Montag, 17. April 2017

Gesunde Ernährung: Was ist das überhaupt?

Als Ernährungswissenschaftlerin muss ich bestimmte Dinge meiden, um meinen Blutdruck zu schonen, besonders diverse Frauenzeitschriften, pseudowissenschaftliche Fernsehsendungen und unseriöse Diätversprechungen à la 10 Kilo in 10 Tagen. Jeder Mensch isst. Aber das heißt noch lange nicht, dass jeder Mensch auch Ahnung von Ernährung hat, geschweige denn darüber schreiben oder berichten sollte. Wir werden tagtäglich überflutet mit Informationen zu gesunder Ernährung. Doch wie kann der Ottonormalverbraucher fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse von Ernährungsmythen unterscheiden? Ich bin der Meinung: Er kann es nicht. Ich habe das studiert und finde es furchtbar schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, den Überblick zu behalten. Ist es also am besten, den Kopf in den Sand zu stecken? Nein, gesunde Ernährung ist eigentlich ganz simpel.

Den Begriff Diät verstehe ich im ursprünglichsten Sinne, als ganzheitliche Ernährungsweise bzw. Lebensführung.

Was haben gesunde Ernährungsweisen gemeinsam?

Eine Kurzformel für gesunde Ernährung zu haben, wäre optimal, aber so einfach ist das leider nicht. Low Carb oder Low Fat? Ich glaube, das ist die falsche Frage. Ich bin überzeugt, dass es viele verschiedene gesunde Ansätze gibt und nicht die eine richtige Diät für alle. Die Herausforderung besteht darin, die passende Ernährung für sich selbst zu finden. Das Wichtigste ist wohl, das eigene Gehirn einzuschalten und sich nicht verunsichern zu lassen. Wer sich fit, gesund und glücklich fühlt, Leistung bringen kann, die Herausforderungen des Lebens meistert und mit seinem Körper zufrieden ist, der macht alles richtig, würde ich behaupten. Wer bei dem einen oder anderen Punkt noch Optimierungspotenzial sieht, der kann versuchen, etwas an seiner Ernährung oder seiner Lebensweise zu ändern. Wobei sich für mich beides in großen Teilen überschneidet. Ich persönlich verstehe den Begriff "Diät" im ursprünglichsten Sinne, nicht nur als Ernährungsweise, sondern als bestimmte Lebensführung eines Menschen. Wenn ich also irgendwo hier auf dem Blog "Diät" schreibe ohne weitere Erklärung, dann meine ich immer eine ganzheitliche Ernährungsweise und keine Hungerkur. Letztere halte ich nämlich für schwachsinnig, da sie dir langfristig höchstens beim Zunehmen helfen. 

Ernährung ist etwas ganz persönliches

Ernährung ist eine sehr individuelle und furchtbar persönliche Sache. Ein Diabetiker hat sicher andere Ansprüche an seine Ernährung als ein junger, gesunder Sportler. Überspitzt gesagt: Was für den einen gesund ist, kann den anderen krank machen und umgekehrt. Um die passende Ernährungsweise zu finden, müssen auch die Lebensumstände, der Gesundheitszustand, die persönlichen Vorlieben, die eigene Motivation und der Leidensdruck betrachtet werden. Während meines Studiums hat ein Professor von mir mal gesagt: "Eigentlich könnten wir uns das hier alles sparen. Gesunde Ernährung? Das beschreibe ich Ihnen in drei Worten: abwechslungsreich, naturbelassen, saisonal." Genau das trifft es auf den Punkt und das haben beispielsweise auch alle Diäten der Blue Zones gemeinsam. Blue Zones sind Gebiete, deren Bewohner besonders lange leben und viele Menschen sogar über 100 Jahre alt werden. Neben einigen anderen Faktoren, wie z. B. ein soziales Netzwerk zu haben und sich ein Leben lang moderat sportlich zu betätigen, scheint eine traditionelle aus der natürlichen Umgebung stammende Ernährung der Schlüssel zu einem langen gesunden Leben zu sein. Die Menschen in den Blue Zones ernähren sich hauptsächlich pflanzenbasiert, essen wenig und vor allem keinen zugesetzten Zucker, keinen Fructosesirup oder gehärtete Fette. Sie überfressen sich auch nicht, sondern essen nur so viel bis der Magen zu etwa 80% gefüllt ist.

Mit allen bisherigen Diäten bin ich grandios gescheitert

Wer sich hauptsächlich naturbelassen und abwechslungsreich ernährt mit echten Lebensmitteln, wird wahrscheinlich wenig falsch machen. Aber wie kann ich es schaffen, mich so zu ernähren? Ich habe es schon mit vielen Methoden probiert und hatte keinen Erfolg. Weight Watchers, Metabolic Balance, Brigitte Diät, Paleo, Nordic Diet, Säure-Basen-Diät (Basenfasten), Volumetrics, Pfundskur oder Schlank im Schlaf - ich habe sie alle durch. Vor etwa zwei Jahren habe ich mir geschworen, nie wieder eine Diät zu machen. Stattdessen musste eine ganzheitliche Ernährungsumstellung her und so habe ich auf Clean Eating gesetzt. Meine Eltern waren bereits in den 1970er Jahren begeisterte Anhänger der Vollwertküche, ich bin mit frischen cleanen Lebensmitteln aufgewachsen und auch die letzten Jahre war Fertigfutter bei uns die Ausnahme. Ich dachte, wenn ich nur echte, gesunde Lebensmittel zu mir nehme, dann reguliert sich mein Gewichtsproblem mit der Zeit einfach von selbst. Pustekuchen. Auch mit Clean Eating habe ich es nicht geschafft, meinen Flausch loszuwerden. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan davon, aber wie schon bei so vielen Diäten zuvor habe ich jedes Schlupfloch entdeckt, freudig genutzt und meiner Abnahme damit ein Ende gesetzt. Das war wohl das größte Problem bei allen meinen Diäten bisher. Ich hatte immer das Gefühl auf etwas zu verzichten und konnte mir letztendlich nicht vorstellen, ein Leben lang so zu essen.

LCHF: Jetzt schwimme ich gegen den Strom

Vor vier Wochen bin ich zufällig über Low Carb High Fat (LCHF) gestolpert. LCHF basiert auf drei einfachen Grundregeln: 1. Meide Kohlenhydrate und Zucker. 2. Ersetze die Kohlenhydrate durch gesunde natürliche Fette (gesättigt und ungesättigt). 3. Verzichte auf Zusatzstoffe und esse nur echte Lebensmittel. Ich bin immer noch fassungslos, wie leicht es mir fällt, mich so zu ernähren. Ich habe keinen Heißhunger mehr, es schmeckt, es ist unkompliziert, ich kann es leicht in meinen Alltag mit zwei kleinen Kindern integrieren und es scheint wirklich zu funktionieren. Natürlich war es in der ersten Woche nicht einfach auf Kohlenhydrate zu verzichten. Aber ich merke, wie viel besser es mir damit geht. Ich bin immer noch skeptisch, da LCHF das glatte Gegenteil von dem ist, was uns die Ernährungswissenschaftler die letzten Jahrzehnte gepredigt haben. Aber irgendwie ist das genau mein Ding, ich liebe es, Dinge anders zu machen als alle anderen. Die DGE empfiehlt eine Low-Fat-Ernährung mit "reichlich Kohlenhydraten und Kartoffeln". Aber entspricht das wirklich noch dem aktuellen Forschungsstand? Andere Länder, z. B. Schweden, sind da viel weiter. Wenige Kohlenhydrate, dafür viele Ballaststoffe aus Gemüse, kein Zucker, wertvolle Proteine und gesunde Fette - das sei eine moderne, gesunde Ernährung. LCHF erfüllt das alles. Außerdem lässt sie sich prima mit intermittierendem Fasten verbinden, von dem ich wissenschaftlich gesehen höchst fasziniert bin. Von meinem Reizdarm und meiner Weizensensitivität kriege ich die letzten Wochen auch nichts mehr mit, sprich, ich habe überhaupt keine Beschwerden mehr. Habe ich etwa endlich die "passende" Ernährung für mich entdeckt? Letzte Woche habe ich beim Arzt ein großes Blutbild machen lassen: Harnsäure, Glucose, Cholesterin, Triglyceride, Eisen - alle Werte sind prima. In vier bis sechs Monaten lasse ich eine Kontrolle machen und bin gespannt, um sicher zu gehen, dass das auch so bleibt. Ich halte euch auf dem Laufenden...

Liebe Grüße
Antonie
 

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