Freitag, 28. April 2017

Probieren geht über studieren: Meine ersten 30 Tage Low Carb High Fat (LCHF)

Mein Problem ist, ich bin durch. Durch alle Diäten durch. Einfach durch. Weight Watchers, Brigitte Diät, Metabolic Balance, Pfundskur, Schlank im Schlaf, Glyx Diät - um nur mal ein paar zu nennen. Ich habe sie alle ausprobiert. Ich habe es wirklich versucht. Ich habe schon viel zu oft auf etwas verzichtet. Ich habe mir eingeredet, dass Magerquark lecker sei und ein Roggenknäcke ein adäquater Ersatz für ein Croissant. Ich versuchte, mich mit Obst und Gemüse satt zu essen und mit einem Glas Wasser vor den Mahlzeiten den Magen zu füllen. Geklappt hat es nicht. Nach ein paar Wochen oder Monaten war grundsätzlich die Luft raus. Ich hatte genug davon, ständig hungrig ins Bett zu gehen. Mir hat es nicht - oder nicht mehr - geschmeckt. Ich war unzufrieden. Mir hat etwas gefehlt. Dann habe ich eine klitzekleine Ausnahme gemacht. Und noch eine. Und noch eine. Und ehe ich es mich versah, hatten sich die alten Gewohnheiten wieder eingeschlichen. Die Kilos kamen zurück und brachten gleich noch ein paar Freunde mit. Ich will die genannten Abnehmprogramme gar nicht schlecht machen. Für mich waren sie nur einfach nichts. Ich konnte keines langfristig durchhalten. Mit keinem habe ich je meine Traumfigur erreicht. Vor zwei Jahren habe ich mir dann geschworen: Nie wieder Hungern. Clean Eating sollte die Lösung sein. Wenn ich hauptsächlich gesunde, echte Lebensmittel esse, also meinem Körper etwas Gutes tue, dann wird sich mein Gewicht schon irgendwann selbst regulieren. Dachte ich. Aber auch das hat nicht geklappt. Ich war bereit zu resignieren. War das meine Wahl? Musste ich entweder mein ganzes Leben lang für die Traumfigur hungern oder hatte ich Spaß am Essen und mein Preis war der Flausch auf den Hüften? Ich hätte es fast geglaubt, dann entdeckte ich durch Zufall Low Carb High Fat (LCHF).

Es geht dem Flausch an den Kragen: Nach 30 Tagen LCHF sind 2,5 kg und 5 cm Bauchumfang weg und angeblich hatte ich beim Abnehmen noch nie so gute Laune.

LCHF ist genau das Gegenteil von all dem, was die Ernährungswissenschaftler die letzten Jahrzehnte gepredigt haben und was ich auch in meinem Studium gelernt habe. Das Prinzip von LCHF ist einfach: Du du erhöhst den Anteil an gesunden, natürlichen Fetten in deiner Ernährung, isst dich satt, bist zufrieden und nimmst dabei noch ab. Du bekämpfst quasi Fett mit Fett. Der Preis? Du verzichtest weitestgehend auf Kohlenhydrate. Angeblich sollen die dir aber gar nicht fehlen, weil alles, was du essen darfst, so lecker ist. Schwer vorstellbar, oder? Allein bei dem Gedanken, auf meine heißgeliebten Nudeln oder auf leckeres Brot zu verzichten, brach mir der kalte Schweiß aus. Aber was ich aber über LCHF las, machte Sinn und es gab mir ein kleines Fünkchen Hoffnung. Endlich nicht mehr an der Butter und dem Olivenöl sparen. Die Rezepte lasen sich alle hammermäßig lecker und dass Fett ein Geschmacksträger ist, brauche ich auch niemandem zu erzählen. Vielleicht hatte ich bisher einfach noch nicht das Richtige ausprobiert? Ein Versuch konnte nicht schaden. Ich würde es ja wohl eine Woche ohne Nudeln, Brot und Zucker aushalten und dann konnten wir immer noch weitersehen. Der Entschluss war gefasst und gleich am nächsten Tag ging es los.

Woche 1: Eine Woche ohne Nudeln? Challenge accepted!

Tag 1: Ich habe unglaubliche Kopfschmerzen. Das sind die schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens. Keine Migräne, aber das was da in meinem Kopf wummert, ist auch nicht viel besser. Die letzte Nacht war aber auch wirklich furchtbar. Der klitzekleine Mann hat Schnupfen und ist ständig aufgewacht. Ich hatte viel zu wenig Schlaf und bin dementsprechend gelaunt. Zum Glück habe ich mir gestern schon alles in meine Ernährungs-App eingetragen, was ich heute essen will. Sonst würde ich mich wahrscheinlich gerade durch die Naschschublade futtern. Ok, ich bleibe standhaft. Eine Woche lang.

Tag 3: Es schmeckt viel zu gut, nie im Leben werde ich damit abnehmen. Heute Morgen hatte ich Sahnejoghurt mit Himbeeren, Hanfsamen und Mandeln, mittags Zucchininudeln mit Tomatensoße, Feta und extra viel Olivenöl, als Nachtisch Grapefruit mit Quark und zum Abendessen selbstgemachten Matjes-Salat. Gerade sitze ich auf der Couch und nasche Nüsse, weil ich heute noch nicht genügend Fett gegessen habe. Und noch ein Macadamianüsschen verschwindet in meinem Mund. Ich fühle mich schier verrucht. Wenn ich schon nicht abnehme, dann ist es wenigstens lecker. Hunger habe ich auch keinen. Lust auf Nudeln hätte ich schon und die Kartoffeln zum Matjes haben mir auch gefehlt. Aber die fünf Tage werde ich wohl noch aushalten. Wenn nur diese blöden Kopfschmerzen nicht wären. Ich glaube ich werde krank. 

Tag 4: Ich bin in Weltuntergangsstimmung. Ich finde alles zum Kotzen. Die beiden kleinen Männer sind heute außergewöhnlich brav, zum Glück. Sie scheinen zu spüren, dass mit mir heute nicht gut Kirschen essen ist. Außerdem machen mich diese Kopfschmerzen völlig wahnsinnig. Liegt das am Wetter? Das ist dermaßen bescheiden, trüb und regnerisch, zum Abgewöhnen. ICH WILL SCHOKOLADE UND NUDELN UND BROT. Jetzt! Meine Verdauung spielt auch verrückt. Das nervt. ALLES NERVT. Aber ich bleibe standhaft, gerade so.

Tag 5: Schon beim Aufwachen bin ich supergut gelaunt. Das passiert mir normalerweise höchstens im Urlaub. Eigentlich bin ich ein Morgenmuffel, wie er im Buche steht. Was ist denn jetzt schon wieder los? Obwohl ich viel zu wenig geschlafen habe und die Kinder ziemlich anstrengend sind, finde ich heute alles prima. Fast so, als hätte sich ein Schalter umgelegt. Das kann nicht nur daran liegen, dass heute endlich mal die Sonne scheint. Jetzt, wo ich mich wieder gut fühle, kann ich die letzten vier Tage in Ruhe analysieren. Was war nur mit mir los? Ich war so dermaßen schlecht gelaunt, das hatte fast etwas Depressives an sich. Ich gebe es nur ungern zu, aber ich glaube, ich war auf Entzug. Auf Kohlenhydrat-Entzug. Heute bin richtig euphorisch und meine Verdauung ist auch wieder ganz normal. Was für eine Hundertachtziggradwende. Ziemlich krass, finde ich.

Tag 7: Morgen ist die eine Woche LCHF schon vorbei. Eigentlich war es gar nicht so schlimm und Hunger hatte ich auch keinen. Ich esse gerade total entspannt 2000 kcal am Tag und bin satter und zufriedener als mit meinen Nudeln bei 3000 kcal. Aber LCHF für immer? Kann ich mir nicht vorstellen, obwohl es mir geschmeckt hat. Warum sollte ich es mir mit einem so strengen Low Carb Konzept unnötig schwer machen? Ich probiere es mal etwas moderater mit dem Reboot-Plan aus meinem Hemsley & Hemsley Kochbuch. Ich habe schon fleißig vorgekocht. Mit ca. 150 g sind es etwas mehr Kohlenhydrate, aber immer noch fast die Hälfte von dem, was ich vorher gegessen habe.

Woche 2:  Schnell zurück zu LCHF

Tag 8: Morgens geht es erst mal auf die Waage. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich abgenommen haben soll, aber meine Hosen kneifen viel weniger. Und tatsächlich: Fast 2 Kilo sind weg. Jaja, das ist wahrscheinlich alles Wasser, ist klar. Aber auch am Bauch sind es 2 1/2 cm weniger. 

So, dann starte ich jetzt mal mit dem Reboot-Plan. Morgens steht Quinoaporridge auf dem Speiseplan, mittags gibt es grüne Fritatta und einen Apfelmüsliriegel, abends Kokos-Linsen mit Krautsalat. Uff. Abends fühle ich mich ganz schön vollgefressen und total aufgebläht. Aber das habe ich ja öfters wegen meinem Reizdarm. Moment mal... Gerade fällt mir auf, dass letzte Woche mein Bauch nicht einmal verrückt gespielt hat. Nicht mal ansatzweise. Hm, sehr interessant. 

Tag 9: Ich habe Heißhunger auf Schokolade. Wo kommt denn das auf einmal her? Den hatte ich die letzten Tage nicht. Ständig schleiche ich an der Speisekammer vorbei. Nachmittags esse ich dann vier Stückchen dunkle Schokolade zu meiner Avocado, die eigentlich als Snack auf dem Plan steht. So richtig zufrieden bin ich trotzdem nicht. Abends fühle ich mich, als wäre ich im Fresskoma, dabei habe ich genau 2000 kcal gegessen und bis auf die Schoki total nach Plan. Irgendwie ist das nichts für mich. Ich fühle mich wieder "normal", so wie bisher mit meinem Clean Eating. Aber wie ich mich die letzte Woche mit LCHF gefühlt habe, fand ich tausendmal besser. Also doch wieder zurück zu LCHF. Naja, zumindest so lange, bis mir etwas Besseres einfällt. Ich kann mir nämlich immer noch nicht vorstellen, ohne Brot und Nudeln zu leben.

Tag 10: Ich fühle mich prima und wieder wie die Made im Speck. Heute gab es griechischen Joghurt mit Beeren, Leinsamen und Mandeln zum Frühstück, Zoodels mit Tomatensoße und extra viel Käse und Olivenöl zu Mittag und einen bunten Salat mit Thunfisch, Ei und Käse zum Abendessen. Eine Zwischenmahlzeit habe ich nicht gebraucht. Es kann doch nicht sein, dass ich das alles esse und dabei abnehme. Ich traue dem Braten nicht. Wo ist denn bitte bei LCHF der Haken?

Tag 12: Der Skyr und der Sahnejoghurt waren aus. Vor lauter Planerei habe ich völlig vergessen einzukaufen. Aber da ist doch noch eine Portion Quinoaporridge von dem Reboot-Plan übrig. Kann ja nicht schaden, wenn ich das esse. Dann muss ich zwar den Rest des Tages sehr auf meine Kohlenhydrate achten, aber es wird schon gehen. Das Porridge war lecker, macht mich aber nicht besonders lange satt. Nachmittags habe ich ein Tief und wieder Gelüste auf Schokolade. Es scheint fast so zu sein als hinge das mit meiner Kohlenhydratzufuhr am Morgen zusammen. Schon nach dem Mittagessen wollte ich etwas Süßes. Kann es sein, dass (zu) viele Kohlenhydrate zum Frühstück nachmittags Heißhunger auf Schokolade machen? Das muss ich mal beobachten.

Tag 13: Huch, jetzt hätte ich fast den Reißverschluss an meinem einen Stiefel kaputt gemacht. Ich habe ihn mit dem gewohnten Schwung hochgezogen und das war wohl etwas zu viel des Guten. Die Stiefel habe ich seit ein paar Jahren, aber so leicht gingen sie noch nie zu. Sehr toll! Erfolgserlebnis!

Tag 14: Heute Morgen beim Eincremen hatte ich das Gefühl, dass meine Haut viel reiner ist. Fühlt sich gut an. Aber das liegt bestimmt daran, dass ich vor ein paar Tagen bei der Kosmetikerin war. Oder vielleicht doch daran, dass ich seit zwei Wochen fast keinen Zucker mehr esse? Egal, was es ist, ich finde es prima!

Woche 3: Der Heißhunger und die Gelüste sind weg

Tag 15: Habe abends um halb neun die Zähne geputzt. Ich bin an meiner Zahnbürste vorbeigelaufen und hatte den Gedanken: Heute esse ich sowieso nichts mehr. Hä? Was ist denn nun schon wieder los? Wie oft in den letzten Monaten konnte ich es kaum erwarten, dass die Kinder endlich im Bett sind und ich noch etwas naschen kann. Mir einen kleinen Nachtisch "gönnen". Das brauche ich gerade gar nicht mehr. Großartig, aber trotzdem sehr, sehr, sehr seltsam.

Tag 17: Ich war im Kino und hatte keine Lust auf Popcorn. Ich, keine Lust auf Popcorn. Noch mal ganz langsam zum Mitschreiben: Ich! Hatte! Keine! Lust! Auf! Popcorn! Ich bin fassungslos, das gab es noch nie. Entweder habe ich bisher im Kino Popcorn gegessen oder ich habe es mir schweren Herzens verkniffen. Heute wollte ich keins. Und auch keine Schokolade, keine Gummibärchen und keine Natchos. Ich gehe gerade so selten ins Kino, da wollte ich mir den Abend nicht vermiesen, indem ich auf irgendetwas verzichte. Ich wollte mir eigentlich eine kleine Ausnahme gönnen. Und nun das?! Links und rechts neben mir hat es gefuttert und geknabbert. Mich hat das kein bisschen gekümmert und ich habe an meinem Wasser genippt. Schon heute Nachmittag habe ich mich so seltsam verhalten. Eine Freundin von mir hat zum Kaffee Nusszopf mitgebracht. Der war eigentlich lecker. Aber es hätte für mich auch keinen großen Unterschied gemacht, wenn ich das halbe Stück Nusszopf nicht gegessen hätte. Jawohl, es war nur ein halbes Stück aus reiner Höflichkeit. Normalerweise könnte ich locker drei oder vier Stücke essen. Ich bin völlig fassungslos. 

Tag 20: Der Mann fühlt erste Erfolge. Mein Bauch sei kleiner und fester. Jippie! Ich habe nachmittags Torte gebacken und immer mal wieder ein bisschen genascht. War wohl etwas zu viel, denn abends war mir ziemlich schlecht und ich bin mit einem flauen Gefühl im Magen ins Bett gegangen. Früher war mir öfters mal schlecht gewesen und ich habe das immer auf meinen Reizdarm geschoben. Das ist eben so, da kann ich nichts machen. Erst jetzt, wo ich gar kein Bauchweh oder irgendwelche anderen Beschwerden mehr habe, fällt es mir umso mehr auf, wenn mein Bauch rebelliert. Auf Zucker scheint er so gar nicht zu stehen. Ich schlafe ziemlich schlecht.

Tag 21: Heute sind wir auf Geburtstag eingeladen. Dafür habe ich gestern die Schwarzwälder Kirschtorte gebacken. Auf die freue ich mich schon den ganzen Tag. Zum Mittagessen gab es Fleisch und Gemüse und den Nachtisch habe ich ausgelassen, damit meine Kohlenhydrate nicht durch die Decke gehen. Dann, endlich, esse ich nachmittags ein kleines Stück Torte. Sie hat mir nicht geschmeckt. Die anderen holen sich gerade fast alle ein zweites Stück, also kann es nicht an der Torte liegen. Da stimmt wohl etwas mit meinem Geschmack nicht. Und es wird noch schlimmer. Mir wird nämlich speiübel und das bleibt den ganzen Rest des Tages und die halbe Nacht so. Mir gefällt es gar nicht, wie ich mich fühle, wenn ich nicht LCHF esse, sondern wieder so wie vorher. Das ist neu. Bei jeder anderen Diät hat es sich besser angefühlt, wenn ich "ausgebrochen" bin. 

Woche 4: Ausnahmen tun mir gar nicht gut

Tag 23: Irgendwie ist gerade ein bisschen die Luft raus. Mir fällt es unglaublich schwer, nach dem Wochenende und der Torte und der Nascherei am Samstag wieder in die Spur zu kommen. Der Tag gestern war gut, aber heute? Auweia. Ich hatte noch Rhabarber im Kühlschrank, der dringend verwurstet werden wollte. Also habe ich einen Kuchen gebacken, den mein Mann mit auf die Arbeit nehmen sollte. Er war ein paar Minuten zu lange im Ofen - also der Kuchen - daher habe ich ein klitzekleinen Bissen probiert, um zu sehen, ob er ok ist oder ich ihn entsorgen muss. Bei dem kleinen Happs Kuchen ist es aber nicht geblieben. Plötzlich hat mein Gehirn ausgesetzt und ich hatte zwei große Stück Kuchen intus. Zack. Einfach so. Und ich habe den Kuchen nicht mal genossen, sondern einfach reingestopft. Eigentlich wollte ich nach dem einen Stück aufhören, aber ich konnte nicht.

Tag 24: Nach meiner Kuchenorgie gestern bin ich müde und schlapp. Ich fühle ich mich anfällig für süße Versuchungen und sie lauern überall. Also räume ich alles weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenigstens habe ich ein kleines Erfolgserlebnis. Ich fühle es jetzt auch: Mein Bauch ist kleiner und straffer geworden. Das motiviert mich ungemein. Ich beschließe ab sofort meinen Nachmittagssnack wegzulassen und esse nur noch drei Mahlzeiten am Tag. 

Tag 26: Es tut sich was. Nicht nur mein Bauch, sondern auch meine Hüfte ist etwas schmaler geworden. Ebenso meine Oberschenkel. Auf der Waage ist die letzten Tage nichts passiert. Meine App sagt mir, dass ich tendenziell etwas zu viele Proteine gegessen habe. Ab sofort achte ich darauf, dass der Skaldemann bei jeder Mahlzeit größer eins ist, sprich, ich esse pro Mahlzeit mehr Fett als Kohlenhydrate und Proteine zusammen. Bisher war mir nur wichtig, dass die Tagesbilanz stimmt. Ich habe heute außerdem meinen ersten Bulletproof Coffee probiert. Die Vorstellung von Butter und Kokosöl im Kaffee fand ich immer ziemlich eklig. Aber weißt du was? Das schmeckt gut! Schockierend...

Tag 28: Es ist Ostersonntag. Mein Mann hat Apfelstrudel zum Nachtisch gemacht, der alte Verräter. Eigentlich hat er es lieb gemeint, aber das ist voll nach hinten losgegangen. Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Das erste Stück war so lecker und ich habe es ganz langsam gegessen und genossen. Dann hat wieder mein Gehirn ausgesetzt und ich habe zwei weitere Stücke gegessen, die ich auch noch mit Vanillesoße ertränken musste. Seitdem ich den Apfelstrudel gegessen habe, kreisen meine Gedanken unaufhörlich um Kuchen und Süßkram. Nur die Anwesenheit unseres Besuchs hält mich davon ab, den kompletten restlichen Apfelstrudel zu vernichten.


Woche 5: Noch zwei Tage, dann sind die 30 voll

Tag 29: Warum hat nicht jemand anders den blöden Apfelstrudel gestern aufgegessen? Schon den ganzen Tag schleiche ich um den Kühlschrank rum und nachmittags esse ich doch tatsächlich das letzte Stück. Und gleich noch einen kleinen Schoko-Osterhasen. Und zehn (!) Schoko-Eier hinterher. Dann bin ich wieder zu mir gekommen. Was ich am schlimmsten finde: Es hat mir nicht einmal geschmeckt und trotzdem konnte ich nicht aufhören bis die Tüte leer war. Noch beim Kauen habe ich das nächste Schoko-Ei aufgerissen. Ich kenne das gar nicht von mir. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber ich habe noch nie eine ganze Tafel Schokolade auf einmal gegessen. Eine Tüte Chips schon, aber keine ganze Tafel Schokolade. Und jetzt 10 Schokoeier. Das ist nicht normal. Dieser Kontrollverlust hatte Suchtcharakter. Ich schiebe diesen unangenehmen Gedanken weit von mir. Mein Körper findet die Aktion übrigens nicht gut. Er rächt sich mit Magenschmerzen, Durchfall und einer ziemlich schlaflosen Nacht.

Tag 30: Meine Zuckerorgie hängt mir nach. Ich kann nicht verstehen, was da passiert ist. Außerdem ist mir immer noch schlecht. Ich finde es nicht gut, dass ich mir die Schoki reingestopft habe, aber ich kann es jetzt nicht mehr ändern. Ich kann nur versuchen, es heute besser zu machen. Morgen ist Wiege- und Messtag, ich bin gespannt, was sich getan hat. Hoffentlich hat die Schokolade nicht alles zunichte gemacht.


Meine Bestandsaufnahme nach 30 Tagen

Ich bin völlig fassungslos, dass LCHF funktioniert hat. Schließlich habe ich im letzten Monat gelebt wie die Made im Speck und tatsächlich dabei abgenommen. Ganze 2,5 Kilo. An Bauch und Hüfte habe ich jeweils 5 cm verloren, am Oberschenkel sind es 4 cm und am Oberarm 2 cm. Dabei musste ich erst mal bei LCHF ankommen und es waren einige Tage dabei, die so gar nicht konform waren. Was hätte ich denn schaffen können, wenn ich konsequenter gewesen wäre? Mein Mann isst übrigens begeistert mit, das ist auch eine ganz neue Erfahrung für mich. Viele Gerichte mag er so, wie sie sind, bei manchen nimmt er einfach Kohlenhydrate dazu. Er kann sie vertragen und mir macht es komischerweise gar nichts aus, ihn Brot oder Nudeln essen zu sehen. Ich habe vor ein paar Tagen eine Nudel probiert und fand, dass sie voll mehlig und pampfing schmeckte. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Angeblich hatte ich auch noch nie so gute Laune beim Abnehmen. Seit über 20 Jahren versuche ich mit den gängigen Empfehlungen abzunehmen und es war ein einziger Kampf. Jetzt mache ich das genaue Gegenteil, schwimme gegen den Strom, und nehme leichter ab als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich suche immer noch nach dem Haken.  

Aber nicht nur auf der Waage und vom Umfang her hat sich etwas getan: Ich bin fit, wach und voller Energie, obwohl ich bei weitem nicht so viel schlafe, wie ich gerne würde. Ich habe kaum Hunger, dafür wieder richtig Lust auf Sport und auf Bewegung. Abgesehen von den ersten paar Tagen, an denen ich gereizt und echt genervt war, bin ich richtig gut drauf. Ich esse jetzt die in Diäten normalerweise verbotenen Sachen, das ganze gute Zeug. Klar vermisse ich die Kohlenhydrate, besonders Nudeln, Brot und Obst. Als ich einmal ein Eiweißbrot gebacken habe, bin ich sofort in alte Verhaltensmuster gefallen. Ich habe viel zu viel davon gegessen. Aus Gewohnheit? Oder weil ich nicht aufhören konnte? Ich weiß es nicht, aber seitdem versuche ich auf Nachbauten, wie z. B. Brot oder Pfannkuchen, zumindest momentan zu verzichten. Aber es fühlt sich gar nicht wirklich wie Verzicht an. Wer will zum Spargel schon die Kartoffeln wenn er stattdessen ohne schlechtes Gewissen die Sauce Hollandaise haben kann?

Was mich wirklich nachdenklich gemacht hat, waren die Schoko-Eier. Solche Fressanfälle, bei denen mein Gehirn aussetzt und ich stopfe, kenne ich nicht von mir. Was mir auch zu denken gibt: Immer, wenn ich mir etwas "gegönnt" hatte, dann sind meine Gedanken den Rest des Tages um die Süßigkeit gekreist. Ich wollte mehr. Viel mehr. Ich konnte nur noch daran denken, dass im Kühlschrank noch Nudeln vom Mittagessen der Kinder waren und in der Speisekammer die Osterschokolade. Es war schwierig, zu widerstehen und es hat nicht immer geklappt. Ich habe jedes Mal zwei bis drei Tage gebraucht, um wieder in die Spur zu kommen und die Gelüste langsam aber sicher nachgelassen haben. Aber klar, höre ich schon die erste Erklärung dafür. Wenn ich mir alles verbiete, ist es ja nur logisch, dass das irgendwann zu Fressanfällen führt. Aber so einfach ist es nicht. Erstens verbiete ich mir nichts, sondern entscheide mich dafür, etwas nicht zu essen, weil es sich besser anfühlt. Und zweitens wollte ich LCHF gar nicht dogmatisch angehen, sondern eher entspannt und mir ab und zu etwas gönnen. Was ich auch gemacht habe. Ich kann nur offensichtlich nicht damit umgehen. Es heißt so schön "alles in Maßen". Aber was, wenn ich bei manchen Lebensmitteln einfach nicht Maß halten kann? Wenn manche Lebensmittel etwas in mir auslösen, das zu einem Kontrollverlust führt? Zehn Schokoeier? Das ist doch irre, vor allem, weil ich sie gar nicht essen wollte. Ich konnte aber einfach nicht aufhören.

Ich kann in jedem Bereich meines Lebens so diszipliniert sein. Nur beim Essen und meiner Figur klappt es nicht. Für meinen Mann ist das alles ganz einfach, wenn seine Hosen zwicken, dann hält er sich für ein paar Tage oder Wochen etwas zurück und schon passen sie wieder. Er versteht nicht, warum ich das nicht kann. Ich habe ihm schon oft gesagt, dass Essen für mich wie eine Sucht sei. Dass ich nicht aufhören kann, wenn es zu gut schmeckt. Dass mich kleine Portionen nicht befriedigen. Kennst du das, wenn du Nudeln isst? Du kannst einfach nicht aufhören, obwohl der Bauch schon längst drückt? Du willst eigentlich die Gabel weglegen, aber dein Kopf schreit "mehr, mehr, mehr"? Mein Mann kennt das nicht. Der würde selbst drei Nudeln auf dem Teller liegen lassen, wenn er satt ist. Bei mir würde eher noch die Wüste einfrieren. Ich habe schon immer große Portionen geliebt und ich habe tendenziell mehr Hunger als andere. Wenn alle schon satt sind, geht bei mir noch etwas rein. Gerade esse ich aber untypischerweise ziemlich kleine Portionen und höre auf zu essen, wenn ich satt bin. Das ist auch so eine seltsame Nebenwirkung von LCHF.

Irgendetwas hat die letzten Jahre nicht mit meiner Ernährung gestimmt, sonst wäre ich schließlich nicht zu dick. Vielleicht liegt es gar nicht an meiner Disziplin. Habe ich mich "unpassend" ernährt und mein Körper hat darauf mit einem Reizdarmsyndrom, einer Weizensensitivität und Übergewicht "reagiert"? Ich weiß es nicht. Bei manchen Lebensmitteln kann ich nur schwer aufhören zu essen. Diese Lebensmittel haben alle ausnahmslos auch eine ganze Menge Kohlenhydrate: Nudeln, Spätzle, Brot, Chips, Kuchen. Aber macht mich das gleich kohlenhydratsüchtig? Keine Ahnung, wobei eine Menge von 300-450 g pro Tag irgendwie dafür spricht. Was ich aber weiß: Es tut mir verdammt gut, mich nach Low Carb High Fat zu ernähren. Ich war absolut überzeugt, dass Low Carb nichts für mich ist und bin dank LCHF eines Besseren belehrt worden. Ich will gerade gar nicht zurück zu den vielen Kohlenhydraten, die ich vorher gegessen habe. Du lieber Himmel, ich hätte es nie für möglich gehalten und in China fällt gerade bestimmt vor Schreck ein Sack Reis um. Ich bin ein LCHFler und jetzt kommt's: Ich will einer bleiben!

Dann mal ran an den Speck!

Liebe Grüße
Antonie
 

Kommentare:

  1. Hi Antonie,

    das ist ein toller Erfahrungsbericht, sehr aufschlussreich, vielen Dank! :)

    Viele Grüße,
    Marc :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Marc,

      danke dir! Mein Mann hat total gelacht, was ich denn hier schon wieder für einen Roman geschrieben habe. Aber es ist in dem ersten Monat einfach so viel passiert. Ich hoffe, dass der Bericht vielleicht dem einen oder der anderen Mut macht, LCHF auszuprobieren. Wenn nämlich ICH auf Nudeln und Brot verzichten kann und es sich nicht mal wie Verzicht anfühlt, dann kann das wirklich jeder!

      Liebe Grüße
      Antonie

      Löschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...