Mittwoch, 1. März 2017

Wie du ein Straußenei ausbrütest: Meine beiden Geburten im Vergleich

Ein Straußenei auszubrüten macht keinen Spaß. Ich spreche da aus Erfahrung. Zweimal 38 cm Köpfchenumfang. Aua!!! Ich habe bisher erst eine Mama getroffen, die das mit 39 cm toppen konnte. Auch in meinen beiden Geburtsvorbereitungskursen war ich die klare Siegerin in Bezug auf den Kopfumfang - eine zweifelhafte Ehre. In meinem nächsten Leben achte ich definitiv mehr auf Äußerlichkeiten bei der Partnersuche. Wer braucht schon einen liebevollen, aufmerksamen, humorvollen und ehrlichen Mann, der dich auf Händen trägt? Innere Werte? Gemeinsamkeiten? Alles völlig überbewertet, einzig und allein auf den Kopfumfang kommt es an, Ladys ;-). Ok, Spaß beiseite, mein Mann darf so bleiben, wie er ist. Es ging ja zum Glück alles gut, auch wenn wir zweimal haarscharf am Kaiserschnitt vorbei geschlittert sind und wir offensichtlich pathologische Herztöne gepachtet haben. Aber kommen wir erst mal zu den harten Fakten...

(mit freundlicher Genehmigung von (c) Miguel Fernandez, www.gegen-den-strich.com)


Unser kleiner Mann, der 2013 auf die Welt kam, hatte ein Geburtsgewicht von 3815 g, eine Körperlänge von 53 cm und den schon eingangs erwähnten Köpfchenumfang von 38 cm. Damit war er bei der Geburt schon ein relativ großes Kind. Unser klitzekleiner Mann hat das 2016 noch einmal überboten: Er kam mit 4200 g, 55 cm und ebenfalls 38 cm Köpfchenumfang zur Welt. Mit dem Gewicht lag er über der 95. Perzentile, mit der Länge über der 90. Perzentile, das heißt, er war schwerer als 95 % und größer als 90 % der in Deutschland geborenen Kinder. Beim Kopfumfang hat mir das Berechnungstool sogar über 100 % angezeigt, auch wenn das natürlich Quatsch ist. Wahrscheinlich wollte es mir damit einfach sagen, dass meine beiden Kinder die größten Köpfe aller Zeiten haben ;-). Das werde ich ihnen - und meinem Mann, denn von dem haben sie den riesigen Kopf schließlich - noch öfters vorhalten, denn: Ein Huhn Elefant vergisst nie...

Meine zweite Schwangerschaft dauerte länger, aber die Geburt war kürzer

Beide kleinen Männer haben ganz schön auf sich warten lassen. Wenn ich für eins nicht bekannt bin, dann für meine Geduld. Für meine Torten vielleicht, aber definitiv nicht für meine Geduld ;-). Bei unserem kleinen Mann ging es drei Tage nach dem errechneten Entbindungstermin nachts von selbst los. Unser klitzekleiner Mann wollte gar nicht rauskommen, ihm mussten wir mit einem Wehencocktail einen kleinen Schubs geben. Zehn Tage nach dem errechneten Entbindungstermin haben wir eingeleitet. Ob es wohl einen Einfluss hatte, dass ich in der ersten Schwangerschaft zur Akkupunktur bin und in der zweiten nicht? Keine Ahnung. Es ist übrigens ein Mythos, dass das zweite Kind früher kommt als das erste. Ich habe dazu jede Hebamme, die mir über den Weg gelaufen ist, interviewt und keine hat mir das bestätigen können. Auch unsere Hebamme hatte uns im Geburtsvorbereitungskurs vorgewarnt: Wenn das erste Kind über Termin war, wird sich in der Regel auch das zweite Kind Zeit lassen. Das hatte ich damals geflissentlich überhört... Was aber bei mir gestimmt hat und was offensichtlich auch die Regel ist: Das zweite Kind kommt schneller, die Geburt an sich ist also kürzer. Bei unserem kleinen Mann hat es 18,5 Stunden von der ersten Wehe gedauert. Unser klitzekleiner Mann kam knapp zehn Stunden nach der ersten Wehe zur Welt bzw. 11,5 Stunden, nachdem ich angefangen hatte, den Wehencocktail zu trinken. Nachdem die Fruchtblase geplatzt war (beim zweiten Mal haben sie nachgeholfen), hat es bei beiden Geburten noch etwa dreieinhalb Stunden gedauert.

Heftigere Wehen nach Einleitung - bei mir nicht!

Oft hört man ja, dass die Wehen nach einer Einleitung viel heftiger sind. Bei mir war das nicht so. Ich hatte bei meiner zweiten (eingeleiteten) Geburt zwar schneller heftige Wehen, die Geburt war aber auch insgesamt kürzer. Von der Stärke haben sich die Wehen selbst aber nicht vom ersten Mal unterschieden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass ich schon über 10 Tage über Termin war und wir mit dem Wehencocktail vergleichsweise sanft eingeleitet haben. Ich habe das Gefühl, der klitzekleine Mann war eigentlich schon so weit, er hat nur noch einen kleinen Schubs gebraucht. Der Cocktail ist bei mir eingeschlagen ist wie eine Bombe. 

Zwei Mal musste mit der Saugglocke nachgeholfen werden

Meine beiden Kinder habe ich natürlich entbunden, wollte ich gerade schreiben, aber eigentlich stimmt das gar nicht. Bei beiden musste der Arzt mit der Saugglocke nachhelfen und dann ist das strenggenommen eine vaginal-operative Entbindung. Bei unserem kleinen Mann hatte ich in der Austreibungsphase einen Geburtsstillstand und das CTG hat pathologische Herztöne angezeigt. Bei unserem klitzekleinen Mann hatten wir mehr oder weniger von der ersten Wehe an überwachungsbedürftige Herztöne. Zweimal sind wir haarscharf an einem Kaiserschnitt vorbei geschlittert. Bei meiner ersten Geburt habe ich das gar nicht registriert, wie kritisch der Geburtsstillstand war. Ich war so sehr mit mir selbst und dem Wehenschmerz beschäftigt. Es ging keinen Millimeter voran, obwohl ich eine Art Dauerkontraktion hatte. Ich konnte nicht mehr unterscheiden, wann die eine Wehe aufgehört und wann die nächste angefangen hat. Diese gesteigerte Wehentätigkeit war ein großer Stress für unseren kleinen Mann und er hat darauf mit abfallenden Herztönen reagiert. Glücklicherweise hat der Wehenhemmer angeschlagen, aber er musste dann schnell per Saugglocke kommen. Der Pädiater stand schon bereit und ich habe unseren kleinen Mann nicht sofort auf die Brust gelegt bekommen, sondern er wurde zuerst durchgecheckt. Das hat wohl ein paar wenige Minuten gedauert. Ich kann es nicht genau sagen. Ich war zuerst so erleichtert, dass wir es geschafft hatten und vor allem, dass die Schmerzen weg waren. Und erst dann kam die Freude, dass ich nun eine Mama bin. Und dann hatte ich ihn auch schon im Arm.

Bei unserem klitzekleinen Mann, meiner zweiten Geburt, hatten mein Mann und ich uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir bei der kleinsten Komplikation sofort einem Kaiserschnitt zustimmen. Mein Frauenarzt hatte vier Tage vor dem errechneten Geburtstermin eine letzte Größenabschätzung gemacht, die Diagnose Makrosomie gestellt und mich völlig verunsichert mit dem Satz: "Haben Sie schon mal über einen Kaiserschnitt nachgedacht oder zumindest über eine Einleitung, damit das Kind nicht noch größer wird?" Im Nachhinein bin ich ihm dankbar dafür, da diese Verunsicherung dazu geführt hat, dass wir uns am Tag des errechneten Termins dafür entschieden haben, in der (45 Autominuten entfernten) Filderklinik zu entbinden. Ich wollte keinen Kaiserschnitt, wenn es nicht unbedingt sein müsste, und da sie dort auf Risikogeburten spezialisiert sind, habe ich mich in guten Händen gefühlt. Die Nabelschnur unseres klitzekleinen Mannes lag über seiner Schulter und wurde bei jeder Wehe abgedrückt, daher die schlechten Herztöne. Aber das wussten wir ja während der Geburt nicht, sondern erst hinterher. In Filderstadt haben sie sich aber getraut, die Geburt erst einmal weiter laufen zu lassen und nicht sofort einen Kaiserschnitt gemacht. Die Begründung: Mache Babys würden vom Wehencocktail überrollt, reagieren mit schlechten Herztönen und fangen sich nach kurzer Zeit wieder. Als der klitzekleine Mann auf die Welt kam - wieder mit Saugglocke, aber diesmal war sie sehr viel kleiner - war ich erst einmal völlig erstaunt, ja fast geschockt, dass ich keinen Kaiserschnitt hatte. Aber es war verdammt knappt, die letzte Dreiviertelstunde der Geburt war der Anästhesist anwesend, weil der Notkaiserschnitt den ganzen Tag fast greifbar im Raum stand. Und plötzlich lag er da auf meinem Brust, klein und zerknautscht, mit lockigen schwarzen Haaren. Das zweite Mal hatten wir alle Zeit der Welt, die Nabelschnur durfte in Ruhe auspulsieren, die U1 haben sie bei mir auf der Brust gemacht und mein Mann hat die Nabelschnur höchstpersönlich durchtrennt.

Eine Sache des Gefühls

Obwohl also die Rahmenbedingungen bei meinen beiden Geburten ähnlich waren, haben sie sich doch sehr unterschieden - und zwar dadurch, wie ich mich währenddessen gefühlt habe. Passiv vs. aktiv, fremdbestimmt vs. selbstbestimmt, hilflos vs. stark. Vor meiner ersten Geburt wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, dass wir so auf uns selbst gestellt sein würden, wie wir es letztendlich waren. Ich hatte die total naive Vorstellung, dass meine Wehen anfangen, wir dann in aller Ruhe zum richtigen Zeitpunkt ins Krankenhaus fahren - wenn die Geburt schon einigermaßen fortgeschritten ist, ich mit dem Wehenschmerz aber noch gut allein zurechtkomme - und uns dann im Krankenhaus eine Hebamme zur Seite steht, mit der ich die ganze Sache meistern kann. Soweit die Theorie. Im Krankenhaus haben wirklich alle ihr Bestes gegeben und die Hebammen sind von Zimmer zu Zimmer gerannt. Aber wenn an einem Tag 20 Kinder in drei Kreißsälen kommen, dann kann das nicht funktionieren. Das war einfach Pech. Dazu kam bei mir noch, dass niemand damit gerechnet hat, dass der kleine Mann doch am selben Tag kommt, also dass sich mein Muttermund so schnell öffnet. Ich bin eigentlich jemand, der Dinge gern selbst in die Hand nimmt. Warum ich also bei meiner ersten Geburt die ganze Zeit nur auf irgendjemanden (z. B. Hebamme, Ärztin) oder irgendwas (z. B. PDA, Badewanne) gewartet habe, anstatt selbst aktiv zu werden, kann ich mir auch nicht wirklich erklären. Das sollte mir beim zweiten Mal nicht passieren und das hat auch geklappt, u.a. mit der für mich passenden mentalen Vorbereitung. Während meiner zweiten Geburt habe ich klar gesagt, was ich möchte. Ich fühlte mich stark gefühlt, war aktiv und selbstbestimmt. Beispielsweise sollte ich beim CTG liegen, weil die Herztöne schlecht waren. Das ging aber ab einer gewissen Wehenstärke einfach nicht mehr. Ich konnte den Schmerz im Liegen nicht mehr aushalten. Also habe ich die Hebamme freundlich, aber bestimmt, informiert, dass ich jetzt aufstehe und die Ableitung dann eben irgendwie im Stehen funktionieren muss. Und das war auch völlig in Ordnung. Bei meiner ersten Geburt hätte ich mich das niemals getraut.

Die Stärke für meine zweite Geburt musste ich mir hart erarbeiten

Vor meiner ersten Geburt war mir bei dem Gedanken an die Wehenschmerzen schon etwas mulmig, aber ich dachte mir so: "Hey, das haben schon so viele Frauen vor mir geschafft, dann packe ich das auch." Vor meiner zweiten Geburt hatte ich anfangs furchtbare Angst, die sich erst während der Schwangerschaft langsam gelegt hat. Nun wusste ich, wie sich Wehen und eine Geburt anfühlen. Das war aber auch ein großer Vorteil, da ich mich viel besser darauf einstellen konnte. Ich habe viel über meine Ängste mit meiner Hebamme gesprochen, habe Yoga und Selbsthypnose zur Geburtsvorbereitung gemacht. Dadurch konnte ich meine Angst langsam aber sicher überwinden, sodass ich mich wie beim ersten Mal kurz vor der Entbindung sogar auf die Geburt gefreut habe. Und der Moment, das eigene Kind das erste Mal im Arm zu halten, war beide Male einzigartig. Egal, wie schwer und kompliziert meine Geburten waren, dieser Moment machte die Schmerzen, die Ängste und die Sorgen mehr als wett. Eine Geburt ist eben doch das einzige Blind Date, bei dem du sicher die Liebe deines Lebens triffst.

Liebe Grüße
Antonie
 

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