Montag, 13. März 2017

Kraftakt Schreibaby

"Das ist ein Baby, das weint eben." Wie oft habe ich schon diesen Satz gehört. Meistens erntete ich noch eine ungläubig hochgezogene Augenbraue dazu, denn mein Kind war unterwegs, oder wenn wir Besuch hatten, das perfekte Vorzeigebaby. Niemand glaubte mir, wie viel unser kleiner Mann zuhause schrie. Niemand nahm mich richtig ernst. Noch so eine Mutter, die beim kleinsten Quäken ihres Kindes gleich völlig überfordert ist. Babys weinen, das sei normal. Sie könnten sich schließlich nicht anders ausdrücken. Babys hätten auch ihre schlechten Tage. Ich solle das Weinen nicht so überbewerten. Ich kam ins Grübeln. Es war mein erstes Kind und jeder sagt schließlich, dass die erste Zeit mit Baby sehr anstrengend und intensiv ist. Möglicherweise war ich ja das Problem. War ich nicht belastbar? War das der ganz normale Alltag mit Baby? Aber es konnte doch nicht normal sein, dass ein Baby sechs Stunden am Tag schreit.

Kraftakt Schreibaby.

Dabei hatte alles so harmonisch angefangen. Ich war so stolz auf unsere ersten Wochen als Familie und auf mein Mama-Ich. Wie mein Kopf und mein Körper nach der Geburt einfach so in den Mamamodus umgeschaltet hatten, als hätte ich nie etwas anderes getan. Wie unkompliziert das Stillen klappte. Wie unerwartet gut ich mit dem nächtlichen Schlafentzug zurechtkam. Wie wir unsere Ausflüge in die Eisdiele und zur Krabbelgruppe rockten. Ich fand es einfach wunderbar, Mama zu sein. Ich hörte auf mein Bauchgefühl, vertraute meiner Intuition und ließ mir von niemandem reinreden. Ich war mir sicher, dass ich am besten weiß, was mein Kind braucht. Und so war es auch: Mein Baby war entspannt und zufrieden. Mit drei Monaten entdeckte es die Welt und plötzlich war alles anders.

Schlafen, wenn das Baby schläft? Selten so gelacht!

Unser bis dato tiefenentspannter kleiner Mann weinte nun fast den ganzen Tag. Ich rede hier nicht von ein bisschen jammern. Er brüllte wie am Spieß und das mehrere Stunden lang, Tag für Tag für Tag. Wir versuchten alles, um ihn zum Schlafen zu bringen und scheiterten kläglich. Er schlief tagsüber nur im bewegten Kinderwagen. Sobald ich stehenblieb, wachte er auf und fing wieder an zu weinen. Daher ging ich jeden Tag zwei bis drei Stunden spazieren - im Nieselregen, denn es war November. Zuhause hatte ich ihn die meiste Zeit auf dem Arm und selbst da war er fast immer unzufrieden. Ablegen? Keine Chance. Ein paar Minuten Ruhe für mich? Fehlanzeige. Schlafen, wenn das Baby schläft? Selten so gelacht. Wir retteten uns irgendwie durch den Tag und sobald mein Mann abends von der Arbeit kam, übergab ich ihm das schreiende Kind. Abends brüllte sich unser kleiner Mann auf unserem Arm zwei bis drei Stunden ins Koma. Das erschöpfte ihn so sehr, dass er anschließend einige Stunden am Stück schlief - eine Ruhepause für uns, die wir dringend gebraucht haben.

Widersprüchliche Ratschläge von allen Seiten

Ich hatte keine Ahnung, wie ich unserem kleinen Mann helfen konnte. Ich war völlig verunsichert. Mir war klar, dass er aus Müdigkeit weint, es aber nicht schafft einzuschlafen. Weder unsere Kinderärztin noch unsere Hebamme waren eine große Hilfe. Wir bekamen völlig widersprüchliche Ratschläge: "Lassen Sie ihn doch einfach mal weinen, irgendwann schläft er schon ein." und "Auf keinen Fall weinen lassen, das zerstört das Urvertrauen eures Kindes." Wir lasen uns durch alle möglichen Bücher und probierten allerhand Ratschläge aus. Aber nichts half. Es wurde jeden Tag schlimmer. Meine Mädels aus dem Geburtsvorbereitungskurs halfen mir sehr während der Zeit. Bei ihnen konnte ich mich ausheulen. Unseren Treffen fieberte ich regelrecht entgegen. Wenn wir was unternahmen, war mein Baby pflegeleicht. Dafür weinte es danach umso mehr.
 

Das viele Weinen war unerträglich, oft weinte ich einfach mit

Ich ging immer noch stundenlang spazieren, war den ganzen Tag angespannt und hatte keine Ruhepausen, in denen ich Kraft tanken konnte. Meine Familie wohnte weit weg. Ich hatte niemanden, dem ich mal kurz mein Kind geben konnte, wenn ich das Gefühl hatte, den Verstand zu verlieren. Ich war nicht nur mit den Nerven am Ende, sondern auch körperlich völlig erschöpft. Ich konnte nicht mehr. Unser kleiner Mann war so ein Süßer und ich liebte ihn so sehr. Gleichzeitig spürte ich, wie die Situation langsam aber sicher unsere Beziehung negativ beeinflusste. Ich war genervt, dass er so viel weinte und dass er nicht schlief. Ich wusste, dass er nichts dafür konnte, dass er uns nicht absichtlich das Leben schwer machen wollte. Aber den ganzen Tag angeschrien zu werden, das steckt niemand so einfach weg. Es war schwierig ruhig zu bleiben. Ich war manchmal wütend auf mein Kind und ich verachtete mich dafür. Durch die U-Untersuchungen und die ersten Impfungen waren wir ständig bei der Kinderärztin und ich sprach das Schreien jedes Mal an. Nach über zwei Monaten reagierte sie endlich, als ich ihr das mit der Mutter-Kind-Beziehung sagte. Ich konnte richtig sehen, wie in ihrem Kopf zwei riesige rote Alarmglocken losgingen und prompt hatte ich eine Überweisung in die Babyambulanz. Blöderweise kam uns Weihnachten dazwischen und wir mussten vier Wochen auf einen Termin warten. Eine Ewigkeit in unserer Lage, aber wenigstens hatte mein Mann Urlaub und wir konnten uns die Arbeit teilen.

Die Schreiambulanz hat uns sprichwörtlich den Arsch gerettet

Da waren wir nun, in der Schreiambulanz. Unser kleiner Mann war knapp sechs Monate alt und wir hatten drei Höllenmonate hinter uns. Was würde uns wohl die nächsten zweieinhalb Stunden erwarten? Die Kurzfassung: Unser kleiner Mann ist in einem fremden Raum, neben einer völlig fremden Person auf meinem Arm eingeschlafen und ich habe ihn in ein fremdes Bett gelegt, in dem er über 30 Minuten weitergeschlafen hat. Sprachlos? Ich war es auch. Ehrlich gesagt bin ich regelrecht vom Glauben abgefallen. Und ich habe endlich gewagt zu hoffen, denn wir hatten nun offensichtlich kompetente Hilfe und eine Diagnose: Anpassungsstörung im Sinne einer frühkindlichen Regulationsstörung. Wir lernten in dem Termin viel über über Selbstregulation bei Babys und über Schlaffenster. Das bedeutete, wie wir erkannten, dass unser kleiner Mann müde war, und wie wir ihn am besten in den Schlaf begleiteten. Die ersten Tage zuhause waren unglaublich anstrengend. Vorher hatte ich wenig geschlafen, jetzt gar nicht mehr. Ganze elf Tage lang. Ich war ein Zombie. Alles war noch schlimmer als je zuvor, aber zusammen mit der wahnsinnig lieben Sozialpädagogin aus der Schreiambulanz fanden wir letztendlich heraus, was unser kleiner Mann braucht. Innerhalb von vier Wochen kehrten wir unsere Situation völlig um - indem wir eigentlich nur Kleinigkeiten veränderten. Das erste Jahr blieb trotzdem anstrengend, aber endlich konnten wir die Babyzeit wieder genießen.

Wiedersehen in der Schreiambulanz mit Baby Nr. 2

Nun sind wir wieder in der Schreiambulanz, mit unserem zweiten Kind. Auch mit unserem klitzekleinen Mann verliefen die ersten Wochen sehr entspannt. Bis auch er die Welt entdeckte und alles wieder von vorne anfing. Wir dachten erst, wir schaffen es alleine, aber was bei unserem Großen funktioniert hatte, klappte nur bedingt und die Situation mit einem älteren Geschwisterkind ist auch anders. Wir sind zwar etwas schlauer gewesen als beim ersten Mal, aber doch wieder an unsere Grenze gekommen. Beim ersten Termin in der Schreiambulanz war unser klitzekleiner Mann sieben Monate alt. Nun sind vier Wochen vergangen und wir haben schon riesengroße Fortschritte gemacht. Es ist nicht ganz so einfach wie beim ersten Mal, da wir nun zwei Kindern gerecht werden müssen. Aber ich weiß, dass wir es wieder schaffen werden, auch wenn es zwischendurch immer mal wieder Rückschritte geben wird. Das Leben ist wieder schön, auch mit Schreibaby.

Falls du mehr zum Kraftakt Schreibaby lesen willst, dann schau doch mal hier:

Du darfst Hilfe zulassen (Gastbeitrag bei "Stadt, Land, Mama")
Was mir hilft, um ruhig und gelassen zu bleiben

Liebe Grüße
Antonie


Ich bin weder Ärztin noch Therapeutin und schreibe hier nur über unsere persönlichen Erfahrungen. Ich rate jedem, der sich in irgendeiner Form durch die "Situation Baby" belastet fühlt, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Das kann durch die Hebamme oder den Arzt geschehen, sofern sie sich in diesem Bereich weitergebildet sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die "Durchschnittshebamme" oder der "Durchschnittsarzt" nur begrenzt Hilfestellung geben können. Am besten wendest du dich gleich an eine Babysprechstunde oder Babyambulanz in deiner Nähe.  

Lass dich nicht von der Dreiregel verunsichern, die besagt mindestens drei Stunden schreien, an mindestens drei Tagen die Woche, mindestens drei Wochen lang. Wenn du das Gefühl hast, dein Baby weint häufiger als es "normal" ist oder dass es gestresst ist oder du mit der Situation nicht richtig fertig wirst, dann hole dir Hilfe. Sofort.

Es ist keine Schande, sich Unterstützung zu suchen. Ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Stärke, Hilfe zuzulassen.

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