Donnerstag, 9. März 2017

Kraftakt Schreibaby: Was mir hilft, um ruhig und gelassen zu bleiben

Ein großes schwarzes Loch. Vor mir tut sich der Boden auf, ich falle in ein großes schwarzes Loch und schlafe zwölf Stunden am Stück. Völlig ungestört. Ich muss mich nicht fragen, was dieser Traum bedeutet. ICH. MÖCHTE. SCHLAFEN. Einfach nur schlafen. Noch nie in meinem Leben war ich so erschöpft wie ich es gerade bin. So dünnhäutig, so mit den Nerven am Ende. Dabei wäre alles so leicht: Mein klitzekleiner Mann müsste nur die Augen zu machen und schlafen und alles wäre gut. Aber das kann er nicht. Es hat eine frühkindliche Regulationsstörung. Er ist ein Schreibaby. Und irgendwie ist das ungerecht. Ich hatte so sehr gehofft, dass es uns beim zweiten Kind vergönnt ist, eine ganz entspannte und schöne Babyzeit zu haben. Ohne Frust, ohne Ärger, ohne Dauerbeschallung mit sirenenartigem Gekreische. Gute drei Monate hatten wir das, dann ging es wieder los. Und du fängst zwangsläufig an, darüber nachzudenken: Das sollte so nicht sein. Das ist ungerecht. Ich hatte doch schon ein anstrengendes Baby. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Könnte es nicht wenigstens diesmal entspannt sein? Ich kann das alles gar nicht genießen. Warum muss mein zweites Kind auch so viel schreien? Das Problem ist, diese Gedanken helfen nicht. Sie machen alles nur noch schlimmer.

Kein Widerspruch: Eine stressige Situation bewusst zu erleben, kann dir helfen dich zu distanzieren und zu entspannen.

Gestresst, genervt, unzufrieden - so eine Mutter möchte ich nicht sein

Die anderen Mütter haben es immer alle so leicht. Deren Babys schlafen einfach. Bei denen ist alles toll. Bin ich vielleicht zu blöd oder irgendwie unfähig? Andere Mütter können es doch auch! Ich weißt, dass diese Gedanken Quatsch sind und ganz sicher ist bei den anderen auch nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Wer das behauptet, der lügt. Und außerdem darf ich nicht ungerecht sein. Unser Leben ist schön. Ich möchte mit niemandem tauschen. Ich bin dankbar, auch wenn ich das gerade nicht so gut zeigen kann. Meine Kinder bringen das Beste in mir zum Vorschein, aber eben manchmal auch das Schlechteste. Meistens habe ich Mitleid mit unserem klitzekleinen Mann. Er würde auch gerne schlafen. Er weint nicht, um es mir schwer zu machen. Ich weiß das alles. Aber manchmal gibt es Tage, an denen entgleitet mir gefühlt alles. An diesen Tagen bin ich überfordert. Ich bin nicht ich selbst und diese Person, die zwar aussieht wie ich, gefällt mir nicht. Gestresst, genervt, unzufrieden - so eine Mutter möchte ich nicht sein und das ärgert mich. Dann bin ich wütend, anstatt dankbar zu sein. Dann schreie ich manchmal, anstatt gelassen zu bleiben. Dann bin ich zu frustriert, um die Babyzeit richtig zu genießen. Dann fühle ich mich, als hätte ich als Mutter versagt. Und dabei wünsche ich mir doch nur, eine coole, gelassene Mutter zu sein. Ich kann unseren beiden Kindern nicht mal einen Vorwurf machen, dass sie so viel weinen. Ich war selbst ein Schreibaby, ein ganzes Jahr lang. Und wenn man meine Mutter fragt, ein ziemlich schlimmes. Ich habe nur geschlafen, wenn sie mich mit dem Auto um den Block gefahren hat.

Ich musste die Situation Schreibaby zuerst akzeptieren

Schon vor meiner zweiten Schwangerschaft war mir klar, dass wir wieder ein Baby mit Regulationsstörung haben könnten. Ich dachte, wenn es so ist, dann schaffen wir das wieder. Schließlich haben wir das alles schon einmal durchgemacht. Das sagt sich leicht - davor und danach. Wenn du mittendrin bist, dann fühlt es sich an, als würdest du da nie wieder rauskommen. Als hätte dieser Kraftakt und das ganze Gefühlschaos niemals ein Ende. Es ist beim zweiten Mal nicht einfacher, nur weil wir es schon kennen. In manchen Dingen bin ich gelassener, weniger verbissen, andere sind viel schlimmer. Mir fällt es zum Beispiel viel schwerer, ruhig zu bleiben als noch vor drei Jahren. Ich bin viel schneller genervt, weil ich jetzt versuche, zwei Kindern gerecht zu werden. Ich kann und will aber nicht akzeptieren, dass ich ein potenzielles Pulverfass bin. So eine Umgebung will ich für meine Kinder nicht schaffen. Sie sollen sich jederzeit sicher und geborgen fühlen und keine Angst haben, dass die Mama hochgehen könnte. Ich komme wieder an meine Grenzen, obwohl ich dachte, dass wir es diesmal alleine schaffen. Aber was bei unserem Großen funktioniert hat, klappt bei dem Kleinen noch lange nicht. Also habe ich wieder einen Termin in der Schreiambulanz vereinbart. Ein ganzer Monat Wartezeit, gefühlte hundert Jahre. Also habe ich mich auf die Suche nach Lösungen gemacht, um die Situation sofort zu entschärfen und mit meiner emotionsgeladenen Dünnhäutigkeit besser umzugehen. Dabei bin ich auf ein Video von Franziska Luschas von "Boss im Kopf" gestoßen: "Wie Sie gelassener, zufriedener und ruhiger, statt ständig genervt sind". Das war genau das, was ich brauchte!

Die Situation bewusst erleben, tief durchatmen und entspannen

Ich akzeptiere nicht, dass wir nun das zweite Schreibaby haben. Das war mein erster Gedanke als ich mit dem Video fertig war. Ich fühle mich betrogen um diese rosarote Babyzeit, die mir die Windelwerbungen immer vorgaukeln. Mist. Ich mache mir das Leben also selbst noch schwerer, indem ich gegen die Situation ankämpfe. Nachdem ich nun - unbewusst - wochenlang im Widerstand war, kann ich natürlich nicht einfach einen Schalter umlegen und alles ist gut. Die negativen Gedanken sind nicht einfach weg. Da sie mir jetzt aber bewusst ist, kann ich daran arbeiten.

Sobald ein negativer Gedanken aufblitzt, frage ich mich nun:
  1. Ist dieser Gedanke gerade hilfreich?
  2. Trägt dieser Gedanke gerade dazu bei, mich so zu verhalten, wie ich es gerade möchte?

Es bringt nichts, den Gedanken zu bekämpfen, er ist ja schon da. Ich betrachte ihn also und dann schicke ich ihn wieder weg. Dann überlege ich mir, wie ich gerne reagieren möchte. Wie ist meine Atmung, meine Körperhaltung, mein Tonfall dabei? Was sind meine Worte? Wie möchte ich mich dabei fühlen? Ich spiele meine persönliche Bilderbuchreaktion in der einen oder anderen ruhigen Minute immer wieder durch, damit ich ruhig bleiben kann, wenn es ernst wird.

Eine weitere Möglichkeit, um nicht die Nerven zu verlieren, zeigt Franziska Luschas in ihrem Video. Es ist eine Art Dreipunkteplan, den man "abarbeiten" kann:

  1. Nimm deinen Körper wahr und schaue, ob du irgendwo angespannt bist.

    Ziehe ich die Schultern hoch? Ist mein Rücken verspannt? Beiße ich die Zähne aufeinander? Falls ja, lasse ich die spannung los.
     
  2. Mache ich das, was ich gerade tue, mit Freude? Falls nicht, kann ich zumindest akzeptieren, was ich gerade mache?

    Nein, es macht mir keinen Spaß, wenn ich mein schreiendes Kind auf dem Arm habe und es nicht beruhigen kann. Aber ich bin gerade allein zuhause und die einzige Person, die es unterstützen kann. Das kann ich akzeptieren.
     
  3. Ich ändere die Situation, wenn ich es kann. Wenn nicht, mache ich das, was ich gerade tue, so bewusst wie möglich. Ich lenke meine gesamte Aufmerksamkeit auf das, was zu tun ist.

    Langfristig versuchen wir die Situation zu ändern, indem wir uns Hilfe in der Schreiambulanz geholt haben. Kurzfristig helfe ich mir selbst, indem ich in einer stressigen Situation jede Bewegung so bewusst wie möglich ausführe und meine Umgebung so detailliert wie möglich wahrnehme. So verschwende ich nicht mehr so viel Energie auf den Widerstand und den inneren Kampf. Dadurch bekomme ich die Distanz, die ich brauche, und kann mich beruhigen.

Schon allein das bewusste Erleben der stressigen Situation führt dazu, ruhiger zu werden. Natürlich funktioniert das nicht immer und manchmal geht mir doch die Hutschnur hoch. Das ist nur menschlich. Wir sind Mamas, keine Maschinen. Ich kann nur versuchen, es das nächste Mal besser zu machen. Ich bin dabei es zu akzeptieren, dass wir wieder ein Kind haben, das Probleme mit der Selbstregulation hat und daher viel weinen muss. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Schreibabys später die tollsten Kinder sind - das behaupten sie zumindest in der Schreiambulanz. Wenn ich mir unseren Großen so ansehe, dann kann ich ihnen nur Recht geben. Er ist so ein tolles Kind und wenn ich jetzt wieder ein Jahr Stress habe, um ein zweites so großartiges Kind zu haben, dann lohnt sich das!

Ich hoffe, dass ich der einen oder anderen Mama mit Schreibaby vielleicht damit helfen kann, gelassen zu bleiben. Aber auch die anderen Mamas können das gerne ausprobieren. Im Alltag mit Kindern kommt die nächste stressige Situation bestimmt. Was sind eure Tipps und Tricks? Wie geht ihr mit stressigen Situationen um? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Liebe Grüße
Antonie

Ich bin weder Ärztin noch Therapeutin und schreibe hier nur über unsere persönlichen Erfahrungen. Ich rate jedem, der sich in irgendeiner Form durch die "Situation Baby" belastet fühlt, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Das kann durch die Hebamme oder den Arzt geschehen, sofern sie sich in diesem Bereich weitergebildet sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die "Durchschnittshebamme" oder der "Durchschnittsarzt" nur begrenzt Hilfestellung geben können. Am besten wendest du dich gleich an eine Babysprechstunde oder Babyambulanz in deiner Nähe. 

Lass dich nicht von der Dreiregel verunsichern, die besagt mindestens drei Stunden schreien, an mindestens drei Tagen die Woche, mindestens drei Wochen lang. Wenn du das Gefühl hast, dein Baby weint häufiger als es "normal" ist oder dass es gestresst ist oder du mit der Situation nicht richtig fertig wirst, dann hole dir Hilfe. Sofort.

Es ist keine Schande, sich Unterstützung zu suchen. Ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Stärke, Hilfe zuzulassen.

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