Dienstag, 11. Oktober 2016

Das Geburtsbuch: Vorbereiten - Erleben - Verarbeiten

Es gibt Bücher, die tun einfach gut. So ging es mir am Ende meiner zweiten Schwangerschaft mit dem Geburtsbuch: Vorbereiten - Erleben - Verarbeiten von Nora Imlau. Vier Tage vor dem Geburtstermin unseres klitzekleinen Mannes machte mein Frauenarzt nochmal einen Ultraschall und schockte mich mit der Frage: "Haben Sie schon einmal über einen geplanten Kaiserschnitt nachgedacht oder wenigstens über eine Einleitung, damit das Kind nicht noch größer wird?" Uff. Aus der Traum von einer natürlichen Geburt und einem schönen Geburtserlebnis und dabei wollte ich doch einfach nur, dass beim zweiten Mal alles ganz normal abläuft...

Wie freunde ich mich nur mit einem Kaiserschnitt an?

Während der gesamten Schwangerschaft mit dem klitzekleinen Mann stand nie ein Kaiserschnitt zur Debatte. Plötzlich stand er greifbar im Raum und ich begann darüber nachzudenken. Ich wollte partout keinen Kaiserschnitt und einen geplanten schon gleich gar nicht. Falls er aber unumgänglich sein sollte, wie könnte ich es trotzdem schaffen, dass ich auch mit Kaiserschnitt ein schönes Geburtserlebnis haben werde? Frauen, die natürlich, also vaginal entbinden, erzählen ihr Geburtserlebnis gerne in allen schaurigen und nicht so schaurigen Einzelheiten - ich bin da keine Ausnahme ;-). Aber wenn jemand einen Kaiserschnitt hatte, wird meist nicht so viel erzählt. Höchstens noch, ob er geplant war oder ob man vorher Wehen hatte oder ob er in Lokalanästhesie oder Vollnarkose durchgeführt wurde. Aber dann? Ich hatte einen Kaiserschnitt. Damit scheint alles gesagt zu sein. Ende der Geschichte. Ich begann darüber nachzudenken und mich zu fragen, wie eigentlich ein Kaiserschnitt abläuft. Klar, aufschneiden, Baby rausholen, zunähen. Aber was passiert ganz genau, wie sind die einzelnen Schritte und wie lange dauert das alles?


Ich beschloss also, mich zu informieren. Ein Buch musste her, denn googlen ist in solchen Fragen ja meist keine große Hilfe. In der Buchhandlung bin ich dann zufällig auf das Geburtsbuch von Nora Imlau gestoßen. Der Untertitel lautet: Vorbereiten - Erleben - Verarbeiten. Auf der Rückseite prangt die Überschrift: Jede Geburt bringt eine veränderte Frau zur Welt. Der Satz hat mich direkt ins Herz getroffen, denn die Geburt meines ersten Kindes war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Seitdem bin ich nicht mehr dieselbe. Nie habe ich mich verletzlicher gefühlt, nie gelangte ich mehr an meine Grenzen, nie verlor ich mehr die Kontrolle über meinen Körper, nie war ich schwächer und stärker zugleich, als in dem Moment, in dem ich ein Kind geboren habe. Und nun stand ich unmittelbar davor, dieses Erlebnis zu wiederholen, und war völlig verunsichert.

Ein Buch für alle Frauen, sowohl Erstgebärende als auch Mütter

Das Buch beginnt mit einem Vorwort der Autorin. Ihr Herzensanliegen sei es, Frauen dabei zu unterstützen, die Geburt zu erleben, die sie sich wünschen, und aufzuzeigen, welche Optionen werdenden Müttern offenstehen. Das Buch richtet sich sowohl an Frauen, die das erste Kind bekommen als auch an Mütter, die bereits geboren haben und nun verstehen und verarbeiten wollen, was bei der Geburt geschah. Das Buch ist, wie der Untertitel bereits sagt, aufgeteilt in die drei Kapitel "Vorbereiten", "Erleben" und "Verstehen". Zunächst definiert die Autorin im ersten Teil, was sie unter einer guten Geburt versteht und wie man anhand von konkreten Tipps eine gute Geburt plant, damit der Wunsch kein Wunschtraum bleibt. Sie beschreibt die einzelnen Phasen einer Geburt, die Geburtspositionen, Hilfsmittel und das Schmerzmanagement. Sie zeigt in allen Einzelheiten den Ablauf eines Kaiserschnitts auf und gibt Anregungen, wer als Geburtshelfer infrage kommen kann. Dann geht es ans Eingemachte: Im Kapitel "Erleben" beschreibt Nora Imlau die 10 Wege, ein Kind zur Welt zu bringen: Alleingeburt, Hausgeburt, Geburtshausgeburt, natürliche Geburt in der Klinik, Wassergeburt, tiefenentspannte Geburt, natürliche Geburt mit viel medizinischer Hilfe, ungeplanter Kaiserschnitt, geplanter Kaiserschnitt und Wunschkaiserschnitt. Zu jedem Geburtsweg gibt es viele Erklärungen, 10 gute Gründe, Kontraindikationen, viele Gedanken, Fallbeispiele und konkrete Tipps. Sie beantwortet außerdem Fragen, die zu dem jeweiligen Geburtsweg aufkommen könnten, z. B. Sollen Geschwisterkinder bei der Hausgeburt anwesend sein? Was tun Geburtshaus-Hebammen in einem Notfall? Kommt für mich eine Wassergeburt in Frage? Am Ende des Kapitels widmet sie sich den besonderen Geburten: der Spontangeburt nach Kaiserschnitt, der Geburt von Zwillingen, der natürlichen Geburt aus Beckenendlage (Steißgeburt), der Frühgeburt und der stillen Geburt.

Auch bei einem Kaiserschnitt waren die Wehen nicht umsonst

Ich hatte im zweiten Kapitel ein ganz besonderes Aha-Erlebnis und zwar bei der Antwort auf die Frage "Warum die Wehen trotzdem nicht umsonst waren". Mir haben immer Mütter leidgetan, die sich stundenlang durch die scheinbar sinnlosen Wehen gequält haben und dann die Geburt letztendlich doch in einem Kaiserschnitt geendet hat. Das muss sehr frustrierend sein und ich hatte ja die Befürchtung, dass es mir ebenso ergehen wird. Aber die Geburtsarbeit in den Stunden vor dem Kaiserschnitt ist alles andere als sinnlos! Erstens gibt das Baby den Startschuss und signalisiert damit "ich bin bereit", zweitens bereitet das rhythmische Zusammenziehen der Gebärmutter das Baby auf die Welt außerhalb des Mutterleibs vor und drittens sorgen die Hormone während der Wehen dafür, dass sich bei der Mutter nach dem Kaiserschnitt die Gebärmutter leichter zurückbildet und das Stillen besser klappt. Die harte Arbeit ist also nicht umsonst, da die Kinder weniger Anpassungsschwierigkeiten haben. Diese eine Seite hat bei mir den Ausschlag gegeben, dass ich mich zusammen mit meinem Mann gegen einen geplanten Kaiserschnitt entschieden habe. Zudem habe ich den Begriff "Kaisergeburt" kennengelernt. Die schlimmste Vorstellung bei einem Kaiserschnitt war für mich, dass ich direkt nach der Geburt mein Baby nicht halten darf - schließlich bin ich auf dem OP-Tisch festgebunden. In der Regel geht das Baby mit dem Papa in einen Nebenraum, "bondet" dort und ich bleibe alleine im OP-Saal zurück, wo ich eine Dreiviertelstunde zugenäht werde. Diese räumlich Trennung nach der Geburt, wie sie in vielen Kliniken üblich ist, war für mich absolut unvorstellbar. Nicht dass ich es meinen Mann nicht gegönnt hätte. Ich hätte mich irgendwie um die ersten Minuten betrogen gefühlt, obwohl mir einige Freundinnen mit Kaiserschnitt versichert haben, dass das gar nicht so schlimm sei. Für mich war diese Vorstellung grauenvoll, sodass wir uns trotz der langen Anfahrt für die Filderklinik entschieden haben. Sollte unser klitzekleiner Mann mit einem Kaiserschnitt auf die Welt kommen, dann doch wenigstens so sanft wie möglich und mir anschließend sofort auf die Brust gelegt werden. Bei einem Notkaiserschnitt unter Vollnarkose wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Bei einem Kaiserschnitt aber, der ruhig und überlegt vorbereitet werden kann, ist das in der Filderklinik üblich und selbst die ersten Untersuchungen werden mit Kind auf der Brust durchgeführt.

Negative Gefühle nach der Geburt haben in unserer Gesellschaft keinen Platz

Im letzten Kapitel "Verarbeiten" geht es um das Gefühlschaos nach der Geburt, den eigenen Körper und um Sexualität. Außerdem beschreibt sie in einem wunderbar einfühlsamen Kapitel, was man tun kann, wenn die Geburt anders lief als erhofft. Toll finde ich auch den Abschnitt zu den Erwartungen der Gesellschaft. Die Werbungen namhafter Hersteller von Windeln und Babypflegeprodukten machen uns ja weiß, dass eine (frischgebackene) Mutter mit gesundem Kind jederzeit vor Glück strahlt, stets entspannt die Anforderungen des Alltags meistert und sowieso gefälligst dankbar und glücklich zu sein hat. Negative Gefühle haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Sie schreibt: "Frauen, die dieser Erwartungshaltung nicht entsprechen, glauben deshalb oft, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Dabei ist es vollkommen normal, nach einer Geburt ganz unterschiedliche, durchaus auch widersprüchliche Emotionen zu durchleben. Kein Gefühl ist dabei verboten oder falsch."

Fazit

Mir ist das Buch genau zur richtigen Zeit begegnet und hat mir dabei geholfen, mich mit einem möglichen Kaiserschnitt anzufreunden - in der Hoffnung, dass ich keinen haben werde (was glücklicherweise auch geklappt hat). Das Buch hat mir dabei geholfen, mich dafür zu entscheiden, dass ich einen normalen Geburtsbeginn möchte und keinen geplanten Kaiserschnitt - trotz der Diagnose fetale Makrosomie. Es ist wunderbar bestärkend geschrieben - ohne Luftschlösser zu bauen. Es zeigt die Risiken eines jeden Geburtswegs auf, jedoch ohne Angst zu machen. Besonders beeindruckend finde ich, wie neutral Nora Imlau schreibt. Egal, für welche Möglichkeit der Geburt man sich entscheidet, das Buch gibt einem das Gefühl, dass das genau die richtige Wahl ist. Nora Imlau hat ihre Kinder zuhause zur Welt gebracht, betont aber auch, dass die Hausgeburt deshalb noch lange nicht das Beste für jede Frau sei. Eine Frau solle ihr Kind dort zur Welt bringen, wo sie sich am sichersten fühlt und das Buch unterstützt einen dabei, diesen Ort zu finden.


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