Samstag, 20. August 2016

Die Geburt unseres kleinen Mannes (2013)

Bei der Geburt unseres kleinen Mannes vor knapp drei Jahren haben uns die äußeren Umstände ganz schön ins Glas gespuckt. Es war ein wahnsinnig geburtenreicher Monat und an dem Tag, als er geboren wurde, kamen in der Klinik 20 Kinder in 3 Kreissälen zur Welt. In eine andere Klinik zu gehen, hätte nichts gebracht, da überall so viel los war. Ich war drei Tage über Termin als nachts um 3 Uhr die Wehen losgingen. Um fünf habe ich meinen Mann geweckt und gegen halb sieben waren wir das erste Mal im Krankenhaus. Dort ging es zu wie auf dem Bahnhof. Als ich endlich am CTG war, heiß es nur, die Wehen seien nicht stark genug, das dauert noch 2-3 Tage. Wir also wieder nach Hause, ich heulend. Daheim haben wir nochmal gefrühstückt, ich habe ein klitzekleines Gläschen Sekt getrunken und danach ging es so richtig los. Die Wehen wurden stärker, ich musste jedes Mal innehalten und sie veratmen und mittags um halb eins wurde es meinem Mann zu bunt. Er hat mich trotz heftigstem Protest eingepackt und wir sind wieder in die Klinik gefahren...

Hallo, kleiner Mann!


Dort kam ich im Vorwehenzimmer wieder ans CTG und diesmal durften wir nach dem Befund "fraglicher Geburtsbeginn" um 15 Uhr auch dort bleiben. Allerdings hieß es auch, ich solle mir nicht so große Hoffnungen machen. "Vor morgen wird das ganz sicher nichts." Die Hebamme empfahl mir noch einen Einlauf und so zogen wir eine halbe Stunde später um in die "Besenkammer". Das war ein schlauchförmiger kleiner Raum mit Untersuchungspritsche, Waschbecken, Toilette und normaler Badewanne. Gekachelt, hässlich, ungemütlich, ohne Fenster. Ich bekam also mein Klistier, das hervorragend wirkte. Die Hebamme ließ anschließend Badewasser ein und dann wurden wir wieder allein gelassen. In der Stunde, in der die Wanne voll lief (das dauerte sooo ewig), hatte ich ziemlich große Schmerzen und konnte es kaum erwarten, dass ich mich endlich in der Wanne entspannen kann. Ich war keine Minute im Wasser, da ist mir die Fruchtblase geplatzt und ich musste wieder raus (17 Uhr). Die Hebamme untersuchte mich: Mein Muttermund lag bei 2-3 cm, Portio war verstrichen (d. h. der äußere Gebärmutterhals war verschwunden) und ich fragte das erste Mal nach einem Schmerzmittel bzw. einer PDA. Die Hebamme gab mir noch ein Buscopan-Zäpfchen, das kein bisschen geholfen hat, und verschwand. Und dann hieß es wieder warten, diesmal auf die Ärztin, die mich für die PDA untersuchen sollte bzw. auf den Schmerztropf, den ich bis dahin schon einmal bekommen sollte.

Endlich kam die Ärztin, untersuchte mich und ihr entglitten die Gesichtszüge. In der letzten Stunde war mein Muttermund von 2-3 cm auf 9 cm aufgegangen und damit hatte sich meine PDA erledigt. Da wurden Hebamme und Ärztin das erste Mal etwas nervös, da noch kein Kreissaal frei war und offenbar in ihren Augen die Besenkammer kein geeigneter Platz war, um ein Kind zu bekommen. Im Nachhinein hätte ich gerne mein Kind dort oder auch vor allen Leuten auf dem Flur bekommen, wenn uns damit die nächsten 2 1/2 Stunden erspart geblieben wären. Denn spätestens das war der Zeitpunkt, an dem gefühlt alles schief lief. Ich, völlig im Schmerzdelirium, habe gar nichts mehr mitbekommen. Meinem Mann haben sie gesagt, dass sie mir jetzt "etwas" geben, das mich beruhigt und mir eine kurze Pause verschafft und dann sei gleich der Kreissaal frei und das Baby könne kommen. Das war um 18:10 Uhr und mir ging es tatsächlich eine Viertelstunde prima, da ich keine Schmerzen und keine Wehen mehr hatte. Das "Wundermittel" waren zwei Ampullen Buscopan und eine Ampulle Meptid in 500 ml NaCl.

Im Kreissaal angekommen, gingen die Herztöne runter und der kleine Mann bekam zur Überwachung eine Kopfschwartenelektrode (internes CTG), um seine fetale Herzfrequenz besser beurteilen zu können. Ich habe das alles gar nicht mitbekommen, ich war damit beschäftigt, mich auf den noch fehlenden Zentimeter meines Muttermundes zu konzentrieren und heftige Wehen zu veratmen. Nach einer halben Stunde (19 Uhr), war mein Muttermund vollständig geöffnet und plötzlich ging gar nichts mehr, obwohl die Presswehen im Minutentakt kamen. Der kleine Mann kriegte einfach nicht die Kurve und rutschte nicht den letzten Zentimeter runter, um endlich auf die Welt zu kommen. Obwohl ich schon längst keine Kraft mehr hatte, war ich in einer Endlosschleife damit beschäftigt, auf der Stelle zu laufen, zu drücken, zu pressen, ins Kreisbett zu krabbeln, zu pressen und wieder raus, um wieder auf der Stelle zu laufen... Nach einer Dreiviertelstunde gefühlter Presswehen-Dauerkontraktion, in der die Mienen aller Anwesenden immer besorgter wurden und die diensthabende Oberärztin gerufen wurde, bekam ich 5 ml Partusisten intravenös verabreicht. Auch davon weiß ich nichts mehr, ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich auf einmal nicht mehr pressen durfte und die Presswehen veratmen sollte. Der Schmerz fühlte sich in etwa so an, als würde mir jemand mit einem großen Stiefel in den unteren Rücken treten und dabei versuchen, mir die Wirbelsäule nach hinten durchzubrechen. Partusisten ist ein Wehenhemmer, der in Notsituationen gegeben wird, z. B. wenn durch die gesteigerte Wehentätigkeit das Kind in Gefahr ist. Glücklicherweise schlug er an, die Herztöne des kleinen Mannes erholten sich rasch und damit die Geburt wieder in Gang kam, bekam ich gleich anschließend einen Synto-Tropf mit Oxytocin (20-30 ml/h), die Geburt wurde also quasi nochmal eingeleitet. Das war, glaube ich, spätesten der Zeitpunkt als ich angefangen habe, wie am Spieß zu schreien. Sonst hat der Wehenförderer wohl wenig gebracht, sodass der kleine Mann kurze Zeit später mit der Saugglocke geholt werden musste. Wie kritisch die ganze Geburt wirklich war, habe ich erst in dem Moment bemerkt, als die Oberärztin zur Hebamme gewandt sagte: "Holen Sie SOFORT den Pädiater!" und zu mir: "Frau Post, Ihr Kind muss JETZT kommen. SOFORT. Sie tun jetzt ganz genau, was ich Ihnen jetzt sage." Von meinem Mann weiß ich, dass die Vorbereitungen für die Saugglocke wohl ziemlich hektisch waren, von Ruhe keine Spur mehr und alle waren sehr nervös und angespannt.

Der Augenblick, den ich nie vergesse

Als der kleine Mann mit der Saugglocke aus mir herausgezogen wurde, während jemand anders quer über mir lag und von oben drückte, war der Schmerz unerträglich und dann spürte ich plötzlich diese Leichtigkeit. Die Schmerzen waren schlagartig weg. Den kleinen Mann habe ich erst einmal nur weinen gehört, die Oberärztin hat sofort abgenabelt und der Pädiater hat ihn in Empfang genommen und 1-2 min durchgecheckt. Und dann kam der Augenblick, den ich nie vergessen werde: Der Anblick meines Sohnes als ihn mir die Hebamme endlich auf die Brust gelegt hat. Ich hatte ein verschmiertes, blau angelaufenes, verschrumpeltes Baby erwartet, aber da war nichts als Perfektion. Mein erster Gedanke war: "Er ist so wunderschön." Und für diesen Moment hätte ich die letzten 18,5 Stunden sofort und ohne zu zögern noch einmal durchgemacht und irgendwie war plötzlich alles gut. Verrückt, oder? Die Natur hat das wirklich mit diesem Hammerhormoncocktail direkt nach der Geburt wirklich geschickt eingerichtet! Unglaublich ist auch, wie schnell sich ein Körper von so einer Geburt erholt. Ich hatte einen Damm- und Scheidenriss und konnte zwei Tage nicht ganz so gut sitzen. Aber ich habe nicht mal Schmerzmittel gebraucht und alles ist restlos verheilt. Nur eine ganz dünne, kleine Narbe ist mir geblieben und es sieht ein bisschen anders aus als vorher. Aus dem Gedächtnis hätte ich übrigens nie sagen können, wie der genaue Zeitablauf gewesen ist. Das habe ich alles im Geburtsprotokoll nachgelesen, das ich vor ein paar Wochen in meiner Entbindungsklinik angefordert habe. An manches erinnere ich mich überdeutlich, manches ist ganz verschwommen und vieles habe ich gar nicht mitbekommen. Im Allgemeinen habe ich das Gefühl, dass die Geburt mich zum einen überrollt hat und gleichzeitig irgendwie völlig an mir vorbei ging. Trotzdem war es eigentlich keine schlechte Geburt (die Situation hatte sich nur so angefühlt): Ich hatte keinen Kaiserschnitt, dem kleinen Mann ging es trotz der schlechten Herztöne sofort nach der Geburt hervorragend und meine Geburtsverletzungen haben sich trotz Saugglocke in Grenzen gehalten - obwohl er mit seinen 3815 g, 53 cm Länge und 38 cm Köpfchenumfang ein ganz schöner Brocken war. Trotz der schwierigen Geburt hatten wir beide einen tollen Start zusammen und dafür bin ich sehr dankbar.

Gedanken zu meiner ersten Geburt

Ich glaube, das größte Problem war, dass ich viel zu verkopft und gehemmt an die Geburt herangegangen bin. Natürlich war mir mulmig wegen der Schmerzen, eine meiner größten Ängste war aber zum Beispiel, dass sich beim Pressen - Achtung, jetzt wird es plastisch - unfreiwillig mein Darm entleeren könnte. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, ob das passiert ist und wenn, dann habe ich es gar nicht gemerkt. Ich hatte andere Probleme und mir ist sowieso ständig irgendetwas die Beine runtergelaufen. Und es ist ja auch nicht so, dass die Hebamme sagen würde: "Also, also, Frau Post. Jetzt haben sie sich aber bekackt. Das ist ja blöd. So peinlich und auch noch vor ihrem Mann. Jetzt müssen wir das alles wegwischen. Ts, ts, ts..." Sicher nicht. Sie wird diskret die Sache beseitigen und kein Wort darüber verlieren. Außerdem hatte ich noch eine andere, im Nachhinein ziemlich bescheuerte Idee. Ich wollte nicht unbedingt bei der Geburt schreien. Das hat mich sicher sehr gehemmt. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich aktiv getönt hätte. Spätestens ab dem Wehentropf hatte sich das mit dem Nicht-Schreien sowieso erledigt. Die Tatsache, dass ich aber einige Tage nach der Geburt immer noch heiser war, spricht jedenfalls Bände.

Was ich am meisten bedauere ist, dass ich nicht das Gefühl hatte, mir die Geburt "erarbeitet" zu haben. Ich habe irgendwie alles nur ertragen und mich die meiste Zeit hilflos und der Situation ausgeliefert gefühlt. Ich war zwar heilfroh, dass mein Mann die ganze Zeit da war, aber wirklich aktiv helfen konnte er mir auch nicht. Besonders schlimm fand ich, dass wenn die Hebamme kurz Zeit hatte und mir eine Anweisung gegeben hat oder einfach nur gesagt hat, dass ich ruhiger atmen solle, war es sofort viel besser. Natürlich frage ich mich, ob ich so große Schmerzen und einen Geburtsstillstand gehabt hätte, wenn die Hebamme einfach nur die meiste Zeit bei mir gewesen wäre. Und wenn ein Kreissaal freigewesen wäre. Ich bin eigentlich der Typ Mensch, der Dinge gerne in die Hand nimmt. Offensichtlich hat mich aber als Erstgebärende die Situation so überfordert, dass ich einfach nicht aktiv geworden bin - was ich im Nachhinein absolut nicht verstehen kann. Wir haben die ganze Zeit einfach immer nur auf irgendetwas gewartet. Darauf, dass die Hebamme oder die Ärztin kommt, dass die Wanne einläuft, dass der Kreissaal frei wird oder dass ich die gewünschte PDA bekomme. Ich bin im Vorfeld überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass wir vielleicht auf uns alleine gestellt sein könnten, dass eben keine Hebamme Zeit hat und wir selbst mit der Situation fertig werden müssen. Das passiert mir sicher nicht noch einmal. Natürlich hoffe ich, dass es beim nächsten Mal anders wird, aber sollten wir diesmal auf uns gestellt sein, dann schaffen wir das alleine :-).

Wie ist es dir bei deiner ersten Geburt ergangen? Wie hat sich die zweite oder dritte davon unterschieden? Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du deine Erfahrungen teilst!

Liebe Grüße
Antonie

Auszug aus Geburtsvorbereitungskurs 2.0 - Geburtsverlauf (5. Kursabend)

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