Mittwoch, 22. Juni 2016

Selbsthypnose zur Geburtsvorbereitung: Mein innerer, stiller Ort

In meiner ersten Schwangerschaft habe ich großen Wert gelegt auf die körperliche Vorbereitung zur Geburt. Die mentale Vorbereitung lief mit Yoga und Geburtsvorbereitungskurs ehrlich gesagt eher so nebenbei. Diesmal ist es genau andersherum und ich freue mich sehr darüber, dass ich mit jedem Tag, der vergeht, der Geburt etwas gelassener entgegensehe. Bei dem Kennenlern-Gespräch mit meiner jetzigen Hebamme habe ich mit zitternder Stimme von meiner ersten Geburt erzählt und musste gestehen, dass ich sehr große Angst vor meiner zweiten Geburt habe. Sie hat sehr verständnisvoll zugehört und mir anschließend einen Zettel mit der Überschrift "Selbsthypnose in der Schwangerschaft" gegeben. Ob das vielleicht etwas für mich sei? Ehrlich gesagt hatte ich davon als geburtsvorbereitende Maßnahme noch nie etwas gehört. Der letzte Satz auf dem besagten Zettel hat mich aber aufhorchen lassen: Selbsthypnose kann als Instrument für eine selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt genutzt werden. 

Selbsthypnose ist eine gute Möglichkeit, um dir selbst und deinem Baby etwas Gutes zu tun.

Bei der Geburt unseres kleinen Mannes vor drei Jahren hatte ich das Gefühl, dass die Geburt mich überrollt hat und gleichzeitig irgendwie völlig an mir vorbei ging. Von bewusstem und aktivem Erleben oder Selbstbestimmung keine Spur. Vorletzte Woche ist mir dieser Zettel wieder in die Hände gefallen. Für eine schwangerschaftsbegleitende Selbsthypnose hätte ich viel früher beginnen und regelmäßig üben müssen. Aber es ist noch nicht zu spät: Auch wenn sich durch die fehlende Zeit die Hypnose wahrscheinlich nicht hundertprozent festigen kann, kann sie mir doch dabei helfen, mir einen inneren stillen Ort zu erschaffen. An diesen kann ich mich während der Geburt zurückziehen und beruhigen und entspannen.

Mit Hypnose sind oft Vorurteile verbunden, aber eigentlich ist Hypnose ist ein natürlicher Zustand, den man zwischen Wachen und Schlafen erlebt. Jeder Mensch ist mehrmals am Tag in einem hypnotischen Zustand, z. B. beim Lesen eines spannenden Buches oder in Situationen, wenn du völlig "weggetreten" bist. Es ist ein Zustand, in dem die Atmung und der Herzschlag ruhiger werden und die Muskulatur entspannt. Während der Hypnose bekommt der Mensch alles mit und erinnert sich auch nach der Hypnose noch an alles. Um hypnotisiert zu werden, ist eine passive Mitarbeit erforderlich, du musst dich also darauf einlassen.

Mit der Selbsthypnose kann während der Schwangerschaft folgendes erreicht werden:
  • Entspannung und Wohlbefinden
  • Stressreduktion
  • Kontaktaufnahme zum Kind
  • mehr Wohlbefinden bei der Geburt
  • Linderung von Ängsten, Verspannungen und Schmerzen
  • aktives und bewusstes Erleben des Geburtsvorgangs

Tränen, Erleichterung, Entspannung

Meine erste Selbsthypnose-Sitzung hatte ich zu Beginn der 38. Woche. Es war wie gesagt zu spät, um Selbsthypnose als schwangerschaftsbegleitende Maßnahme zu nutzen. Aber meine Hebamme hat mir Mut gemacht, dass jede Sitzung bzw. jedes alleinige Üben mich einen Schritt in Richtung selbstbestimmte, aktive und bewusste Geburt bringen wird. Die Sitzung lief folgendermaßen ab: Meine Hebamme kam zu mir nach Hause und wir machten es uns auf der Couch bequem. Der kleine Mann hielt seinen Mittagsschlaf und wir waren daher völlig ungestört - was sehr wichtig ist.

Zu Beginn fragte sie mich, was ich mir für diese Geburt wünsche. Meine Antwort: Ich wünsche mir, dass ich mir diese Geburt erarbeiten kann, dass ich mir nicht wieder überrollt vorkomme. Dass ich aktiv mitbestimme und alles bewusst erlebe, anstatt die Situation und die Schmerzen einfach nur zu ertragen. Als nächstes fragte sie mich, welche Situation mir während der gesamten Geburt am schlimmsten in Erinnerung geblieben ist. Meine Antwort: Wir waren schon im Kreissaal und ich hatte den Geburtsstillstand. Ich erinnere mich daran, dass ich auf der Stelle laufen sollte und nach unten pressen. Die Schmerzen waren unerträglich, mir ist die ganze Zeit irgendetwas Warmes die Beine herunter gelaufen und es ging einfach nicht voran. Es hat sich angefühlt als würde ich rennen so schnell ich kann, und trotzdem nie am Ziel ankommen - egal wie sehr ich mich anstrenge. In dem Moment habe ich mich hilflos und schwach gefühlt. Aber aufgegeben oder nach einem Kaiserschnitt gefragt hätte ich niemals. Im Nachhinein bin ich erstaunt, welche Superkräfte eine Frau während der Geburt entwickelt. Ich war sehr viel stärker als ich es je für möglich gehalten hätte.

Dann begann die eigentliche Hypnose. Ich schloss meine Augen und sollte mir einen Ort vorstellen, an dem ich eine totale Ruhe und völligen Frieden empfinde und ihn beschreiben. Meine Hebamme hat immer wieder nach Einzelheiten gefragt und mir damit geholfen, mich immer tiefer in die Situation hineinzuversetzen. Wir führten eine Art meditativen Dialog und es hat mich überrascht, dass ich so viel reden "darf" während der Hypnose. Ich hatte mir das irgendwie passiver vorgestellt. Zwischendurch kamen mir sogar die Tränen. Irgendeine Art von Anspannung oder Blockade hatte sich offenbar gelöst. Aber ich habe mir sagen lassen, dass das häufiger vorkäme - besonders wenn man schon Erfahrungen im Bereich Meditation/Hypnose hat und sich "richtig" darauf einlassen kann. Ich bekam ein Taschentuch und fühlte mich viel leichter als vorher. Erleichtert und entspannt und das gerade mal nach einer halben Stunde!

Wie mein innerer, stiller Ort aussieht

Als meine Hebamme sagt, ich solle mich in Gedanken an einen Ort meiner Wahl versetzen, an dem ich mich wohlfühle, war ich sofort am Strand. Aber nicht in der Karibik oder an irgendeinem Badestrand, sondern an der rauen Nordsee mitten in der Natur. Der Sand war sehr hell, am Strand selbst war sonst nichts, er war menschenleer. Ich lief langsam und barfuß am Strand entlang, hinter mir die Dünen und etwas Schilfgras. Es war gerade so warm, dass ich nicht gefroren habe und der Wind hat mir an den Haaren gezogen. Während der ganzen Hypnose hörte die Wellen rauschen und habe in die Weite, über das Meer auf den Horizont geblickt. Es roch frisch, nach Salz und nach Seetang. Die Sonne schien, am Himmel waren ein paar Wolken. Die Stimmung war friedlich. Nur die Natur und ich. Das Meer, die Weite, der Horizont. Ich selbst war Teil der Natur. Und während ich langsam einen Fuß vor den anderen setzte, verlangsamte sich mein Herzschlag, meine Atmung wurde ruhiger und ich entspannte mich mehr und mehr.

Dann bat mich meine Hebamme, Kontakt mit meinem Baby aufzunehmen und in Gedanken saß ich plötzlich auf einer Bank am Wasser. Es war eine ganz einfache Holzbank, unlackiert, grau und verwittert vom Wind und der See. Ich legte meine Hände auf meinen Bauch und das Baby antwortete mit einer Bewegung in meine rechte Hand. Ich spürte die Gewissheit, dass wir es gemeinsam schaffen, nicht nur die Geburt, sondern auch alles, was danach kommt.

Entspannt, erleichtert, mit einem positiven Gefühl und der Gewissheit meiner eigenen Kraft endete meine erste Hypnose. Sie hat mich sehr an eine Mediation erinnert, bei der nicht die Atmung, sondern die Visualisierung im Vordergrund steht. Nach der Sitzung fragte mich meine Hebamme außerdem, ob ich mir irgendeine Unterstützung vorstellen könnte, die mir dabei hilft, meinen inneren stillen Ort abzurufen. Und die hatte ich wirklich: In unserer Vitrine hatte ich einen kleinen runden, weiß-grauen Stein, den ich an unserem letzten Urlaub an der Nordsee am Strand gefunden hatte. Ich benutze ihn seitdem zum Üben und er darf auch nicht fehlen, wenn es losgeht. Bereits die eine Hypnose-Sitzung hat mir dabei geholfen, der Geburt viel gelassener entgegenzusehen. Jetzt heißt es üben, üben, üben. Je häufiger ich mich an meinen inneren stillen Ort begebe, desto schneller und leichter wird es mir gelingen - auch in einer Stresssituation. Mein innerer, stiller Ort ist jederzeit für mich verfügbar und keiner kann ihn mir wegnehmen. Wenn es während der Geburt nicht so läuft, wie ich es vielleicht möchte, wenn wieder kein Kreissaal frei oder eine Hebamme zur Verfügung stehen sollte, kann ich mich dorthin zurückziehen und entspannen. Mein innerer, stiller Ort ist jederzeit für mich da.

Liebe Grüße
Antonie
 

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