Dienstag, 10. Mai 2016

Weizensensitivität: Wenn Brot, Pizza und Pasta Probleme verursachen

Die sogenannte Weizensensitivität oder genauer gesagt Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität ist eine bisher relativ unbekannte Unverträglichkeit, obwohl sie bereits in den 1980er Jahren das erste Mal beschrieben wurde. Die Beschwerden ähneln denen von Zöliakie- oder Weizenallergiepatienten: Nach dem Verzehr von Getreideprodukten haben weizensensitive Personen Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung, aber auch nicht gastrointestinale Symptome wie Kopfschmerzen, Benommenheit, Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen, Hautveränderungen, depressive Stimmung und Anämie können auftreten. Anfangs hielten die Wissenschaftler das Gluten für den Übeltäter, daher wurde sie in den 1980ern auch als Glutensensitivität bezeichnet. Mittlerweile vermuten sie als Ursache die mit glutenhaltigen Produkten assoziierten Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) und/oder nicht resorbierbare fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole (FODMAPs), die in glutenhaltigen Getreiden, aber auch in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, Süßstoffen und Milchprodukten enthalten sind.

Ist Gluten der Verursacher der Weizensensitivität? Amylase-Trypsin-Inhibitoren? FODMAPs? Oder eine Kombination aus allem?

Auch zur Häufigkeit gibt es bisher wenige Daten. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) vermutet eine Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) zwischen 0,5 und 7%. Laut DZG können unter Reizdarmpatienten bis zu 30% von der Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität betroffen sein, besonders Frauen in jüngerem und mittlerem Alter scheint es häufiger zu treffen.

Diagnose einer Weizensensitivität nur über Ausschlussverfahren

Bisher gibt es keinen serologischen Test, mit dem eine Weizensensitivität zweifelsfrei nachgewiesen werden könnte. Die Diagnose erfolgt daher rein über das Ausschlussprinzip. Haben Personen ähnliche Symptome wie Zöliakie- oder Weizenallergiepatienten, wurden beide Erkrankungen ausgeschlossen und bessern sich die Symptome unter einer weizen- bzw. glutenfreien Diät, so ist laut Prof. Detlef Schuppan eine Weizensensitivität wahrscheinlich. Der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Leiter der Zöliakie-Ambulanz am Universitätsklinikum Mainz sowie Professor of Medicine an der Harvard Medical School in Boston, USA gilt als Entdecker der ATIs und seine Arbeitsgruppe sucht momentan nach spezifischen Biomarkern, mit denen ein Bluttest denkbar wäre.

Warum nehmen Erkrankungen wie die Weizensensitivität zu?

Das ist eine sehr gute Frage, auf die es momentan keine eindeutige Antwort gibt. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren:
  • Ist möglicherweise das Bewusstsein der Bevölkerung gegenüber Unverträglichkeiten gestiegen? Mittlerweile gilt es ja fast als "chic" eine Unverträglichkeit zu haben oder bestimmte Lebensmittel aus welchen Gründen auch immer zu meiden. In den USA herrscht momentan ja fast eine Art Hysterie, wenn es um Weizen geht.
  • Ist der moderne Hochleistungsweizen der Feind und/oder die Art, wie Backwaren heutzutage verarbeitet werden? Früher wurde der Teig lange geknetet und hatte lange Ruhephasen während der Teigführung. Heute sorgen Enzyme, Ascorbinsäure (Vitamin C) und Emulgatoren für eine rasante Zeitersparnis. Zudem enthalten die modernen Weizensorten eine höhere Konzentration an ATIs und die Zusammensetzung des Glutens und damit seine Backeigenschaften haben sich durch Züchtung verbessert.
  • Oder liegt es doch an der dramatischen Änderung unserer Lebensumstände und Ernährungsweise? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich der in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegene Konsum von Fertigbackwaren und verarbeiteten Lebensmitteln besonders positiv auf unsere Gesundheit auswirkt. Da Weizen (oder Gluten) den meisten Fertiggerichten, Desserts, Süßigkeiten, aber auch Wurst oder Fertigsoßen zugesetzt wird, da es die Wasserbindungseigenschaften von Lebensmitteln erhöht und als Stabilisator oder Trägerstoff für Aromen dient, verzehren wir durchschnittlich mehr Weizen als je zuvor.

Der komplette Verzicht auf Weizen ist meist unnötig

Da sich Weizen in vielen Lebensmitteln versteckt, ist es nicht gerade einfach, komplett auf Weizen zu verzichten. Hier aber haben die weizensensitiven Personen gegenüber Zöliakie- und Weizenallergiepatienten einen klaren Vorteil: Ein völliger Verzicht ist meist unnötig. Manchen reicht das Streichen der "großen" Weizenquellen wie Brot, Pizza und Pasta. Manche verspüren bereits Besserung, wenn sie auf Vollkornprodukte oder Dinkel umsteigen (wahrscheinlich weil sich dadurch ebenfalls der Gesamtkonsum verringert, da viele Lebensmittel dadurch nicht mehr verzehrt werden können). Anderen hilft eine teilweise glutenfreie (und damit ATI-ärmere) Ernährung. Die Toleranzschwelle ist bei jeder weizensensitiven Person individuell, da die angeborene Immunität gegen ATIs wahrscheinlich eine zentrale Rolle spielt. Es gibt also kein Patentrezept wenn es um die Ernährung bei Weizensensitivität geht, sondern jeder muss seine eigene Toleranzschwelle finden.

Hier kannst du mehr zum Thema Weizensensitivität von mir lesen

Habe ich eine Weizensensitivität?
Macht uns Weizen wirklich krank und ist diese momentane Hysterie gerechtfertigt?
Sind ATIs der Auslöser für eine Weizensensitivität?

Wo verstecken sich die Weizensensitiven unter euch? Welche Menge an Gluten/ATIs oder FODMAPs vertragt ihr? Wie sieht eure spezielle Diät aus? Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Erfahrungen in den Kommentaren mit mir teilt.

Liebe Grüße
Antonie

Quellen und hilfreiche Informationen:

Deutsche Zöliakie Gesellschaft
AWMF-Leitlinie Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität
Macht Weizen uns krank?
Hysterie um Weizen
Wenn Brot Beschwerden macht
ATIs: Ein Faktor bei Zöliakie und Weizensensitivität (Interview mit Prof. Detlef Schuppan)
FODMAP-Blog für Menschen mit Verdauungsbeschwerden

1 Kommentar:

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