Dienstag, 10. Mai 2016

Habe ich eine Weizensensitivität?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht sicher. Es gibt bisher noch keinen serologischen Test, mit dem eine Weizensensitivität zweifelsfrei nachgewiesen werden könnte. Die Diagnose erfolgt momentan rein durch Ausschlussverfahren. Eines kann ich aber durchaus vorweisen: Ich habe eine Geschichte, die typisch ist für Patienten mit Weizensensitivität, zudem nachweislich keine Zöliakie oder Weizenallergie und meine Beschwerden bessern sich unter weizen- oder glutenarmer Ernährung. Nach gut 20 Jahren unspezifischen Magen-Darm-Problemen, etwa einem Dutzend Ärzte und unzähligen Tests kann ich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sagen: Ja, ich bin weizensensitiv. Aber warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis ich darauf gekommen bin?

Seit ein paar Wochen verzichte ich fast komplett auf Weizen und meine Beschwerden haben sich deutlich gebessert.

Meine ersten (bewussten) Symptome hatte ich etwa mit 12 Jahren. Aber welcher Teenager hat nicht ab und zu Bauchschmerzen oder Durchfall? Und so haben wir das eigentlich nicht weiter beachtet, da es doch relativ selten war und ich meine Beschwerden keiner bestimmten Ursache (z. B. einem Lebensmittel, Stress etc.) zuordnen konnte. Als ich etwa 16 war, wurden meine Symptome heftiger und häufiger und es kam zum ersten Mal der Verdacht auf, dass "möglicherweise irgendetwas nicht stimmt". Aber Blutbild, Ernährungstagebuch und meine erste Darmspiegelung waren allesamt normal, auch wenn leichte - aber nicht besorgniserregende - Entzündungsparameter im Blutbild zu sehen waren ("könnte auch eine abklingende Erkältung sein"). Irgendwelche Empfehlungen bekam ich aufgrund des fehlenden Befunds logischerweise nicht. Ich aß also weiter wie bisher und meine "Anfälle" wie ich meine Symptome zu nennen pflege, häuften sich auf etwa 5-6 mal pro Woche. Sie spielen sich bis heute in etwa so ab: Kurze Zeit nach dem Essen bekomme ich krampfartige, kolikähnliche Bauchschmerzen und dann fängt mein Körper an, alles loszuwerden, das ich die letzten ein bis zwei Tage gegessen habe. Meistens habe ich mehrmals hintereinander Durchfall, der durch die krampfartigen Magenschmerzen unerträglich ist. Seltenerer muss ich mich übergeben. Zwischendrin liege ich wahlweise erschöpft oder mich vor Schmerzen windend auf den kalten Fliesen im Bad. Nach ein oder spätestens zwei Stunden ist der Spuk vorbei, ich krieche völlig erschöpft ins Bett und schlafe eine Weile. Nach dem Aufwachen fühlt es sich fast so an, als sei nichts gewesen, außer dass ich das letzte Lebensmittel oder Gericht vor meinem "Anfall" ein paar Tage oder Wochen lang nicht mehr essen kann - oder im Fall "gekochter Fisch in weißer Soße" nie wieder...

Eine ganze Armada an Tests brachte kein Ergebnis

Mein Vater hat mich mal während eines besonders schlimmen "Anfalls" auf den Fliesen im Bad liegend gefunden - da war ich 18 - und seinem Gesichtsausdruck werde ich wohl nie vergessen. Er war weiß wie die Wand und hat ohne ein Wort zu sagen sofort den Notruf gewählt. Nach einer Woche stationär in der Klinik, der Diagnose Gastritis (Magenschleimhautentzündung), zwei weiteren Darmspiegelungen inklusive Biopsien, einer unglaublich unangenehmen Magenspiegelung, einem negativen Lactose- und Fructoseintoleranztest und dem Ausschluss einer Heliobacter-pylori-Besiedelung war ich leider auch nicht schlauer als vorher. Die nächsten Jahre wurde mir noch zweimal eine Gastritis diagnostiziert (einmal mit Klinikaufenthalt). Zwischendurch waren meine Beschwerden mal besser (1-2 Anfälle pro Monat) und mal schlechter (3-4 Anfälle pro Woche). Mit 21 hatte ich eine Zeit, in der ich fast jeden Tag Durchfall hatte und bin zu einem Gastroenterologen in Stuttgart, der auf Unverträglichkeiten spezialisiert war. Nach einer weiteren Armada von allesamt negativen Tests (Zöliakie, Lebensmittelallergien, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Histaminintoleranz etc.) wurde ich mit der Diagnose Reizdarm "abgestempelt" und den Worten "Da kann man leider nichts machen, essen sie eine leichte Vollkost und führen Sie weiter Ernährungstagebuch, um zu sehen, welche Lebensmittel sie vertragen". Aha, langsam bekam ich das Gefühl, ich spinne und bilde mir das Ganze nur ein... Aber verrückt zu sein war nun wirklich keine Option und müssen Symptome nicht auch immer eine Ursache haben?

Kann mir die alternative Medizin weiterhelfen, nachdem die Schulmedizin "versagt" hatte?

Nachdem die Schulmedizin also nicht mehr weiter wusste, wandte ich mich der Alternativmedizin zu. Ich ging zur Heilpraktikerin. Sie hörte sich meine Leidensgeschichte sehr verständnisvoll an, was für mich eine ganz neue Erfahrung war. Ich hatte immer eher das Gefühl, die Ärzte halten mich für bekloppt, aber ich bin zertifiziert nicht verrückter als der Durchschnitt (vor der Diagnose Reizdarm wird man nämlich in der Regel noch zum Psychologen geschickt, um psychische Ursachen auszuschließen). Dann setzte sie mich vor ein Gerät, gab mir zwei Elektroden in die Hand - ähnlich wie die bei einer Körperfettanalyse - und erfuhr so, welche Lebensmittel ich nicht vertrage. Meine Naturwissenschaftlerseele hat innerlich bei diesem Hokuspokus geschrien, aber ich war fest entschlossen alles zu versuchen. Nach der "Analyse" stand also fest, dass ich komplett auf Weizen verzichten, möglichst auf Zucker und so gut es geht Hafer, Gerste, Mais, Walnüsse und Erdnüsse meiden solle. Ich habe also über ein Jahr komplett weizenfrei gelebt und das war vor gut 10 Jahren nicht ganz so einfach wie heute. Da hatte noch nicht jeder Bäcker Dinkelbrötchen und jeder größere Supermarkt Dinkelnudeln im Sortiment. Meine Beschwerden besserten sich schlagartig, auch wenn sie nicht ganz verschwanden und nach gut einem Jahr war der Leidensdruck auch soweit weg, dass ich wieder anfing Weizen zu essen.

In der Schwangerschaft gingen die Beschwerden wieder los

Die letzten 10 Jahre hatte ich relativ wenige Probleme, die Häufigkeit meiner "Anfälle" lag irgendwo zwischen 1-2 pro Monat und 3-4 mal im Jahr, ab und zu mal Durchfall nicht mitgezählt. Und damit ließ es sich gut leben. Bis jetzt. Genauer gesagt, bis zum Beginn meiner zweiten Schwangerschaft. Während ich in meiner ersten Schwangerschaft plötzlich auf Frühblüher allergisch war, schien ich nun mit der zweiten Babykugel auf irgendetwas im Essen zu reagieren. Meine Durchfälle häuften sich, ich merkte, dass ich zielstrebig auf meinen nächsten "Anfall" zusteuere. Und so war es auch, nur diesen hat leider mein kleiner Mann miterleben müssen. Und die Mama so zu sehen, soll auf keinen Fall nochmal passieren! Da ich mich schon zum Großteil clean ernähre, habe ich einen Zusatzstoff o. Ä. ausgeschlossen und vermutet, dass ich auf etwas viel Elementareres reagiere. Ich habe also beim Gastroenterologen und der Heilpraktikerin angerufen, bin meine Aufzeichnungen durchgegangen und habe in meinem aktuellen Ernährungstagebuch nach Antworten gesucht. Das hatte ich angefangen zu schreiben, als ich merkte, dass sich alles wieder "aufschaukelt". Dabei ist mir aufgefallen, dass es mir meistens unter der Woche gutging und sich am Wochenende (spätestens Sonntagabend) die Beschwerden häuften. Zudem hatte ich vermehrt Kopfschmerzen am Wochenende und was ich besonders seltsam fand: geschwollene Fingerknöchel, so wie Rheuma-Patienten sie häufig haben. Was also war am Wochenende anders? Die Antwort: Ich esse in der Regel viel mehr Kohlenhydrate wie z. B. Brot und Brötchen, häufiger Nudeln und auch Weißmehlprodukte. Und obwohl ich die damalige "Analyse" meiner Heilpraktikerin immer noch für ziemlich pseudowissenschaftlich halte, hatte ich sofort wieder den Weizen im Kopf.

Weizensensitivität - Was ist denn das?!

Ohne mir viel zu versprechen habe ich also Google mal wieder nach Weizen befragt und bin dabei zum ersten Mal auf den Begriff Weizensensitivität - oder genauer gesagt Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität - gestoßen. Habe ich nach über 20 Jahren Magen-Darm-Problemen endlich die Antwort gefunden? Weder in meinem Studium (der Ernährungswissenschaft, wohlgemerkt!) noch beim Gastroenterologen oder bei irgendeinem der anderen vielen Ärzte, bei denen ich war, ist dieser jemals gefallen. Und ich bin doch kein verrrückter Hypochonder, vielen anderen geht es ganz genauso wie mir! Sie haben dieselben Beschwerden sind angeblich physisch gesund - schließlich sind alle Tests negativ. Ha, von wegen!!! Weizensensitive Personen reagieren mit ähnlichen Symptomen auf den Konsum von Weizen wie z. B. Zöliakie- oder Weizenallergiepatienten, haben aber nachweislich keine der beiden Erkrankungen. Interessant fand ich auch, dass unter Reizdarmpatienten bis zu 30 % von der Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität betroffen sein können, besonders Frauen in jüngerem und mittleren Alter scheint es häufiger zu treffen. Ich habe also zwei Wochen komplett auf Weizen verzichtet und meine Beschwerden haben sich schlagartig gebessert. Dann habe ich gedacht, dass ich mir das vielleicht nur einbilde und wieder etwas mehr Weizen gegessen. Das ging auch ein paar Tage lang gut und dann kamen die Beschwerden zurück. Natürlich war das kein doppelblinder oraler Provokationstest, wie man ihn in einer wissenschaftlichen Studie durchführen würde. Ich könnte mir das alles theoretisch also auch nur einbilden, aber das halte ich doch für ziemlich unwahrscheinlich. Ob Placeboeffekt oder nicht: Seit ein paar Wochen verzichte ich fast vollständig auf Weizen und habe seitdem fast keine Beschwerden mehr (also Übelkeit, Durchfall etc.) und auch die geschwollenen Knöchel und die Kopfschmerzen sind verschwunden. Und was ich auch interessant finde: Meine Haut hat sich wahnsinnig gebessert. Zufall? Ich habe keine Ahnung. Das Motto "Weizenfrei - Ich bin dabei!" werde ich aber wohl erstmal beibehalten.

Hat jemand eine ähnliche Geschichte und erkennt sich wieder? Wo sind die Weizensensitiven unter euch? Ich freue mich, wenn ihr euch in den Kommentaren zu erkennen gebt ;-).

Liebe Grüße
Antonie

Kommentare:

  1. Liebe Antonie,

    hast du Erfahrungen mit einem Mittel namens Daosin gegen Histaminintoleranz?
    Finde nicht wirklich brauchbare Erfahrungsberichte im Netz dazu...

    Sonnige Grüße,
    Vanessa

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    1. Liebe Vanessa,

      ich befürchte, ich kann dir da nicht wirklich weiterhelfen. Ich kenne niemanden persönlich mit einer Histaminintolerenz und im Studium haben wir das nur mal so angerissen. Da es viele verschiedene Stellen im Histaminstoffwechsel gibt, wo dieser gestört sein kann (z. B. systemische Mastzellaktivierungserkrankungen, Abbaustörung der Diaminoxidase, Störung der Histaminrezeptoren etc.) und zudem jeder Mensch ganz individuell auf Medikamente reagiert, glaube ich fast nicht, dass dir Erfahrungsberichte wirklich weiterhelfen können. Ich habe z. B. einige Freundinnen mit Laktoseintoleranz. Ein paar von ihnen schwören total auf Enzymtabletten, essen damit relativ normal und können sich damit sogar ohne Probleme den Latte Macchiato reinschütten ;-). Manche nehmen die Enzymtabletten bei besonderen Gelegenheiten (ist ja auch nicht ganz billig) und bei anderen funktionieren sie gar nicht. Ich denke, du musst es wirklich ausprobieren, wie Daosin bei dir wirkt und v.a. auch wie gut du es verträgst. Viel Glück dabei und ich wünsche dir alles Gute!

      Liebe Grüße
      Antonie

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