Donnerstag, 21. April 2016

Stillen (2. Kursabend)

Stillen - klar weiß ich wie das geht, schließlich habe ich das vor nicht all zu langer Zeit gute 10 Monate lang gemacht. Bis sich mein kleiner Mann abgestillt hat - in meinen Augen leider viel zu früh, dafür aber völlig selbstständig und ganz problemlos. Nur ich habe die eine oder andere kleine Träne verdrückt... Ich fühlte mich also bestens gerüstet für den zweiten Abend meines Geburtsvorbereitungskurses, bis unsere Hebamme die ersten Fragen stellte: Wie weit muss der Mund des Babys zum Anlegen geöffnet sein? Wo muss sich die Zunge des Babys befinden? Ähm, wie war das nochmal... Erste allgemeine Verunsicherung machte sich breit - glücklicherweise nicht nur bei mir, sondern auch bei den anderen stillerfahrenen Mamis ;-). Dann kam die Erinnerung aber doch langsam zurück. Mündchen gaaaanz weit auf, wie beim Gähnen mit halb ausgerenktem Kiefer, und die Zunge muss natürlich unter die Brustwarze. Dass manche Babys kleine französische Gourmets sind und gerne mal ein 10-Gänge-Menü in 3 Stunden einnehmen, war mir aber völlig neu. Oder habe ich das bloß vergessen?

Es ist faszinierend, wie weit die Brustwarze im Mund des Babys verschwinden muss, damit es effektiv saugen kann und die Brustwarze nicht wund wird.
Einmal mehr fühlte ich mich bestätigt, dass ein Geburtsvorbereitungskurs auch beim zweiten Kind keine so schlechte Idee ist. Und ich glaube, dass Stillen wie Fahrradfahren ist: Man, äh Mama, verlernt es nicht. Vertraut darauf, dass euer Baby genau weiß, was es tut. Stillen ist für Babys instinktiv - für Mütter leider nicht unbedingt, wir lernen durch ausprobieren und abgucken. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich tue. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es schon klappen wird und habe mich von Sprüchen wie "Oh, das wird aber schwierig mit deinem großen Busen!" nicht verunsichern lassen. Meine Mutter hat meine Schwester und mich problemlos gestillt und meine Schwester meine beiden Neffen auch. Warum sollte das bei mir dann nicht funktionieren?! Und es hat tatsächlich gut geklappt, von Anfang an. Natürlich musste sich meine Brust zuerst an die ungewohnte Belastung gewöhnen und ich hatte anfangs immer ein bisschen Bedenken wegen wunder Brustwarzen - davon bin ich aber glücklicherweise verschont geblieben. Mein kleiner Mann ist essenstechnisch ein Naturtalent und ich war - und bin - so stolz auf ihn. Trotz der langen und schweren Geburt inklusive Saugglocke war er nach den 18,5 Stunden hellwach und interessiert auf meinem Bauch gelegen (sein Apgar war gleich 9/10/10, was mich sehr überrascht hat) und nach einer knappen Stunde habe ich ihn das erste Mal angelegt. Die Kreissaalhebamme hat mir kurz ein paar Tipps gegeben und uns dann alleine gelassen (an dem Tag kamen 20 Babys in 3 Kreissälen auf die Welt, sie war also etwas in Zeitnot). Ich habe ihn dann etwa 45 min auf beiden Seiten gestillt und mein Mann und ich habe völlig fasziniert diesem kleinen Wesen zugesehen, das unser Baby ist. Jetzt heule ich fast beim Schreiben der letzten Zeilen - dieses Erlebnis war einfach so unvergleichlich. Ok, ehrlich gesagt heule ich nicht nur fast ;-). Oh man, Hormone...

Das korrekte Anlegen ist das A und O

Zurück zum Schwangerschaftskurs: Unsere Hebamme hat uns eine kurzen Film über das korrekte Anlegen gezeigt. Mein erster Eindruck war: Oh, das Baby ist ja so winzig - besonders im Vergleich zu der Brust. Und obwohl ich an der einen oder anderen Stelle des fünfminütigen Films etwas schmunzeln musste ("Jetzt öffnen Sie Ihre Bluse"), hat mir der Film gefallen. Besonders beeindruckend fand ich, wie weit die Brustwarze im Mund des Babys verschwinden muss, damit es effektiv saugen kann und die Brustwarze nicht wund wird. Erreicht die Brustwarze im Mund des Babys die sogenannte Wohlfühlzone, das ist der Übergang zwischen hartem und weichem Gaumen, dann ist das Stillen für die Mama am angenehmsten und das Baby trinkt am effektivsten. Der Film zeigt auch anschaulich, wie der Saugreflex des Babys stimuliert werden kann und wie Mama ihm (oder ihr) am besten hilft, richtig anzudocken.


Das Magenvolumen eines Neugeborenen ist etwa so groß wie eine Haselnuss

Wir haben uns auch ausführlich über das Magenvolumen eines Neugeborenen unterhalten. Bei seiner Geburt ist es etwa so groß wie eine kleine Murmel oder eine Haselnuss. Da reichen 20 Tröpfchen Milch, damit der kleine Magen voll ist. Es wird empfohlen, das Baby anfangs etwa alle 2-3 Stunden anzulegen, um die Milchbildung anzuregen und den kleinen Magen kontinuierlich zu füllen. Aber wie gesagt sind manche Babys kleine französische Gourmets und wollen zeitweise alle halbe Stunde an die Brust und danach vielleicht 4 oder 5 Stunden schlafen. Lasst euch bloß nicht von irgendwelchen "schlauen" Ratschlägen verunsichern, wenn euer Baby sich so verhält und hört nicht auf Sätze wie "das kann doch gar nicht sein, dass das Baby SCHON WIEDER Hunger hat". Wenn man sich das Magenvolumen vor Augen führt, kann das selbstverständlich sein. Ein gesundes, reifes, normalgewichtiges Neugeborenes muss auch nach so einem Menü nicht nach 2 oder 3 Stunden wieder geweckt werden. Es wird spätestens aufwachen, wenn der nächste Hunger kommt. Frage aber vorsichtshalber nochmal bei deiner Hebamme nach, ob du in deinem individuellen Fall dein Kind schlafen lassen kannst.

Warum braucht ein Neugeborenes eine Vitamin-K-Prophylaxe?

Was ich auch interessant fand, war die konzentrierte Vitamin-K-Gabe im Hinblick auf das Magenvolumen. Vitamin K ist wichtig für die Bildung von Prothrombin und anderen Gerinnungsfaktoren. Bei einem Mangel kann es z. B. zu Darm- oder Hirnblutungen kommen. Da Babys bei der Geburt noch keine ausreichenden Vitamin-K-Speicher besitzen, sind sie auf die schnelle Vitamin-K-Gabe angewiesen. Die in Deutschland übliche 3-malige orale Gabe von 2 mg Vitamin K jeweils am 1. Lebenstag (U1), zwischen dem 3. und dem 10. Lebenstag (U2) und erneut zwischen der 4. und der 6. Lebenswoche (U3) bietet einen effektiven Schutz und wird von der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Berlin ausdrücklich empfohlen (hier der Link). Stellt man sich die 2 mg aber mal als Volumen vor, z. B. in einer Spritze, dann ist das wirklich verdammt viel im Vergleich zu der "kleinen Murmel" im Buch eines Neugeborenen. Erschwerend kommt hinzu, dass es gerade beim zweiten Kind sein kann, dass die Milchmenge anfangs viel höher ist (besonders, wenn eine Mama ihr älteres Kind noch Tandem stillt). Es kann also sein, dass das Baby mehr spuckt, weil der kleine Magen die "viele" Milch gar nicht unterbekommt. Es kann natürlich verunsichern, ob das Baby eine ausreichende Menge Vitamin K aufnimmt, wenn die Hälfte wieder rauskommt. Als andere Möglichkeit gibt es daher die einmalige hochdosierte Vitamin-K-Gabe direkt nach der Geburt und anschließend eine tägliche oder wöchentliche niedrigere Dosierung über 3 Monate. In einer dänischen Studie wurden 2 mg Vitamin K direkt nach der Geburt verabreicht, gefolgt von wöchentlichen Gaben von 1 mg Vitamin K für die Dauer des (überwiegenden) Stillens. Das Ergebnis: Möglicherweise ist diese Form sogar effektiver als die in Deutschland praktizierte orale Vitamin-K-Prophylaxe in einer Dosis von 3-mal 2 mg. Allerdings befürchtet die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, dass bei einer Anwendung in Deutschland die Compliance (= die Einhaltung der empfohlenen Verabreichung) mit häufigen Gaben über 3 Monate deutlich geringer sein könnte als bei den drei einmaligen Gaben im Rahmen der Voruntersuchungen. Ich bin mir ehrlich gesagt noch nicht sicher, für welche Form der Vitamin-K-Prophylaxe wir uns entscheiden werden. Wichtig ist, dass wenn du die niedrigere Dosierung wählst, das Vitamin K in der Regel ins Krankenhaus mitbringen und sehr deutlich kommunizieren musst, dass du diese Form der Vitamin-K-Prophylaxe wünschst.

Stillen ist viel mehr als nur die reine Nahrungsaufnahme

Gerade zu Anfang, aber natürlich auch noch später, ist Stillen viel mehr als "nur" Essen. Wenn du also das Gefühl hast, dein Baby möchte an die Brust, dann gib sie ihm und habe keine Angst, dein Baby zu verwöhnen. Ich versuche mir manchmal vorzustellen, wie anstrengend so eine Geburt für ein Baby sein muss und wie furchtbar die ganzen Eindrücke in dieser neuen lauten Welt, nachdem es über 9 Monate friedlich und beschützt im Bauch herumgeschwommen ist. Ich denke, dass ein Neugeborenes daher gar nicht genug Liebe und Verwöhnprogramm bekommen kann. Ich freue mich schon unglaublich auf das Stillen und kann es kaum erwarten, mein Baby endlich im Arm zu halten. Nur noch ein paar Wochen...

Liebe Grüße
Antonie

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